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Auf Besuch im ORF-Funkhaus

DAS radiohaus mit ablaufdatum

Wir besuchten das legendäre ORF-Funkhaus, das in Kürze nicht mehr die Heimstätte für den Sender Österreich 1 sein wird.

Es war einst das modernste Radiohaus Europas, das zwischen 1935 und 1938 nach Plänen der Architekten Hermann Aichinger und Heinrich Schmid erbaut wurde. Der Star-Architekt des Ständestaats, Clemens Holzmeister, übernahm die Planung und verpasste dem funktionalistischen Straßentrakt eine für das austrofaschistische Regime repräsentative, monumentale Front. Die Inbetriebnahme erfolgte 1938 durch die NS-Reichsrundfunkgesellschaft. Heute ist das Funkhaus der Sitz der ORF-Radios Ö1, des Radiosymphonieorchesters Wien sowie des ORF-Landesstudios Wien.

Der Große Sendesaal

„Die Musik-Studios: Das östlichste Einzelprojekt enthält allein den großen Aufnahmesaal für Symphoniekonzerte, Opern, und Operettenaufführungen, sowie seine Nebenräume. Der Saal ist akustisch für rund 100 Mitwirkende dimensioniert und kann gelegentlich auch bis zu 400 Zuhörer aufnehmen. Die Schallisolierung ist bei dieser Gruppe durch gesonderte Fundierung der Räume und durch 2 Korridore erreicht. Die akustische Innenausstattung der Räume ist aufgrund der für den Rundfunk modifizierten Watson’schen Kurven für die günstigste Nachhalldauer von Konzertsälen ermittelt. Die zur Erzielung der erwünschten Nachhallzeiten notwendigen Dämpfungseinheiten werden im großen Saal nahezu ausschließlich durch das Publikum, beziehungsweise bei leerem Saal durch die gepolsterten Sitzgelegenheiten erreicht.“ (aus  "profil - Österreichische Monatsschrift für bildende Kunst“, Ausgabe "Das neue Funkhaus", August 1935)

Noch heute sind die Sitze des Sendesaales des Wiener Funkhauses ob ihrer Bequemlichkeit legendär. In keinem Konzertsaal sitzt man so gut wie in diesem Saal. Und sei es, dass ganz praktische, akustische Überlegungen zu dieser Form der Sessel und auch zum Abstand der Sesselreihen geführt haben. Vom eigenen Studio werden noch immer Livesendungen aus dem Großen Sendesaal übertragen.

„Da bei gesprochenen Aufführungen durch den Fortfall jedweder Unterstützung durch die Sicht möglichste Silbenverständlichkeit Hauptbedingung ist, ist die Akustik dieser Räume auf kurze Nachhallzeit eingestellt. Der Raum besitzt veränderliche Dämpfungsvorrichtungen. Im Übrigen wird eventuell benötigter Nachhall künstlich durch 3 verschieden große 'Echoräume' erzeugt.“

Studio 3 / Proberaum für das Radiosymphonieorchester

Dieser Raum dient als Proberaum für das hauseigene Orchester, als Veranstaltungsraum auch für externe Organisationen. Erhalten sind die Wanddekorationen aus den 30er Jahren ...

 

Hörspielstudio

Noch immer werden hier mehrmals im Monat Hörspiele produziert. Fast alle Alltagsgeräusche und Lebenssituationen können hier aufgenommen werden: verschiedene Stiegenarten, Schotterweg, Pflasterweg, Bad, Wasserklosett, altes Festnetztelefon... Es gibt auch einen kleinen Raum, wo jegliche Geräusche von außen abgeschirmt werden...

 

Sendeleitung und Studios von Österreich 1:

Letzte Station war der vierte Stock mit den Redaktionsbüros, den Aufnahmestudios und der Sendeleitung. Michaela Schierhuber war zu diesem Zeitpunkt die Sendeleiterin und verantwortlich für den Ablauf des Programms. Zu ihr und ihren sechs KollegInnen, die sich im Schichtdienst abwechseln,  kommen die vorproduzierten Files, die sie dann ins elektronisch gesteuerte Sendesystem einspielt. Während unseres Besuchs lief gerade der Ö1-Klassik-Treffpunkt, der vom Radiocafé gesendet wurde. Daneben befinden sich die Livestudios, wo etwa das Ö1-Quiz oder die Ö1-Morgensendung entsteht. In kleineren Studios  in den Nebenräumen werden von den Producern die Sendung zusammengeschnitten, die nicht live gesendet werden...

 

Radiokulturhaus

Das Funkhaus ist auch Heimstätte des 1997 eröffneten ORF-RadioKulturhauses, wo Konzerte stattfinden und auch aufgezeichnet werden. Neben dem Sendegebäude befindet sich das vom ORF an einen privaten Betreiber verpachtete RadioCafé. Trotz Widerstandes aus breiten Kulturkreisen wird der Sender Österreich 1 voraussichtlich 2021 auf den Küniglberg ziehen. Im ORF-Funkhaus werden dann noch das ORF-Landesstudio Wien, das Radiosymphonieorchester sowie das RadioCafe bleiben.

Text und Fotos: Marco Vanek