Brüssel

Durch das andere Molenbeek

Streetart ist eine wichtige zeitgenössische Kunstform
Streetart ist eine wichtige zeitgenössische Kunstform

Seit den Anschlägen  in Paris und Brüssel in den Jahren 2015/16 kennt die Welt das Stadtviertel Molenbeek in Brüssel als Brutstätte für Terroristen und als Symbol für Kriminalität. Aber es gibt auch ein anderes Molenbeek, das sich uns bei einem Spaziergang öffnete.

Malte Woydt
Malte Woydt

 

Willkommen in Molenbeek. Mein Name ist Malte Woydt. Ich bin gebürtiger Hamburger, Historiker und Politologe und lebe seit über zwanzig Jahren hier in Brüssel. Ich mache mit euch nun eine alternative Stadtführung. Alternativ heißt, dass ich versuche, nicht nur die touristische Oberfläche der Stadt zu zeigen, sondern mehr zu erklären, was dahintersteckt. Das heißt, wir machen immer eine Mischung aus schöneren, weniger schönen Ecken, um besser zu verstehen, wie alles zusammenhängt." 

 

Malte Woydt hat viel Detailwissen zur Geschichte Belgiens, Brüssel und eben auch zu Molenbeek. Heute Stadtteil der belgischen Hauptstadt mit rund 100.000 Einwohnern, war Molenbeek zu Beginn der Industrialisierung nicht nur eine der ersten Industriestädte, sondern auch eine der bedeutendsten. "Klein-Manchester" wurde es genannt. Lebensmittelindustrie, verarbeitende Industrie, Zulieferindustrie. Gute Schienenanbindung und der nahe Kanal zum Kohlerevier um Charleroi, südlich von Brüssel, machten es möglich. Aber Molenbeeks industrielle Hochzeit währte nicht sehr lange. 

 

1840 begann hier Europas Industrialisierung

"Weil die Straßen da alle viel zu eng sind und die Grundstücke alle viel zu klein sind, ist das für heutige Produktionsbetriebe völlig ungeeignet ist, sodass das Zentrum von Alt-Molenbeek praktisch vollkommen deindustrialisiert ist. Da ist überhaupt kein Produktionsbetrieb mehr."   

Aber es gibt noch die die Ruinen ehemaliger  Industrieanlagen, wie etwa das zerfallenden Backstein-Gebäude einer alten Gießerei.  

 

1840 war Molenbeek eine puffende Industriestadt, als man in Deutschland noch gar nicht wusste, wie eine Dampfmaschine aussieht – 1840!"  Um diese Geschichte zu wahren, um den Bewohnern und Bewohnerinnen ein bisschen etwas wie Stolz auf ihr Viertel zu geben, hat ein gemeinnütziger Verein, der ansonsten soziale Einrichtungen wie Nachhilfezirkel betreibt, hier in der alten Gießerei ein kleines Industriemuseum eingerichtet.   

 

Familienbetriebe dominieren
Die Genter Chaussee ist heute die Haupteinkaufsstraße in Alt-Molenbeek. Hier fallen nur alle diejenigen auf, die augenscheinlich keine nordafrikanischen Wurzeln haben. Nein, man läuft nicht durch ein "Ghetto". Aber durch ein stark durch die marokkanische Gemeinschaft geprägtes Stadtbild: Alte Läden im Stil der Dorfläden, den die ersten Migranten aus Marokko in den 60er-Jahren importierten. Schicke Boutiquen, wie sie ihre Kinder oder Enkel heute betreiben. Die Frauen fast alle das Haar bedeckt. Männer sind hier weniger. Die sind hauptsächlich in den Teestuben zwei Straßen weiter.  

der Genter Chaussee - die Einkaufsstraße Molenbeeks
der Genter Chaussee - die Einkaufsstraße Molenbeeks

 Wie ein kleines Dorf

Die Stimmung in Alt-Molenbeek ist wie  in einem multikulturelles Dorf. Menschen aus Marokko, aus Afrika, Türkei, Rumänien leben hier mit den gebürtigen BelgierInnen zusammen. Man kennt sich. Natürlich ist Molenbeek auch nicht nur reine Idylle, erzählt uns Malte. Es gibt enorm viel Kleinkriminalität. Armut, zu enge Wohnungen, für zu viele Familienmitglieder. Familiäre Gewalt, heruntergekommene Straßenzüge. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 30 Prozent. Bildungs- und Berufschancen sind deutlich geringer als in den betuchteren Stadtteilen Brüssels. Aber Molenbeek lässt sich nicht mit den anonymen, seelenlosen Wohnsilos der französischen Banlieues vergleichen. 

eine Nebenstraße in Alt-Molenbeek; Kleinhändler domieren den Straßenzug
eine Nebenstraße in Alt-Molenbeek; Kleinhändler domieren den Straßenzug
Leer & kein Geld für die Sanierung vorhanden
Leer & kein Geld für die Sanierung vorhanden

 

 

 

Riesige Plattenbauten wie in Paris -  gibt es nur einige wenige!

Wir sind direkt neben der Altstadt in dem Viertel des 19. Jahrhunderts, mit Altbauten, mit kleinteiligen Gebäuden, wo die Leute ihre Nachbarn noch kennen. Wir sind nicht in Blocks, wo sich 200, 300 Leute einen gemeinsamen Eingang teilen und sich alle nicht mehr kennen. In diesen Straßenzügen kennen sich die Leute einander noch. Der soziale Zusammenhalt und die Sozialstruktur ist viel besser. Und dadurch, dass wir hier so nah an der Innenstadt sind, ist das Viertel auch nicht abgeschlossen. Es ist kein Ghetto wie so oft in französischen Städten, wo man als Außenstehender auffällt,  weil da sonst niemand so auftaucht. 

 

Ein Wohnturm mitten in Alt-Molenbeek steht schon seit Jahren leer. Knapp vor Beginn der Renovierung kam die Wohngesellschaft drauf, dass sie sich die hohen Standards für die Dämmung  nicht leisten konnte und musste daher Renovierung abbrechen.

Passiv-Energie-Haus und ein soziales Wohnprojekt für geringverdienende Großfamilien
Passiv-Energie-Haus und ein soziales Wohnprojekt für geringverdienende Großfamilien

Ein Passivhausprojekt für sozial Benachteiligte

Auf billigem, weil zuvor industriell genutztem Boden, den die Stadt gekauft hat und nach Erbpachtrecht an die Hausbesitzer verpachtet, entstand vor einigen Jahren ein interessantes Wohnprojekt. Wegen besonders umweltfreundlicher, da energiesparender Bauweise zudem großzügig staatlich gefördert, können sich dort auch geringverdienende Familien diese Immobilien leisten.  "Und zwar arme Familien mit vielen Kindern – ab vier Kindern. Es gibt keine Sozialwohnungen in der richtigen Größe und auf dem freien Wohnungsmarkt können die sich keine großen Wohnungen leisten. Das heißt, häufig wohnen Familien mit vier Kindern dann in einer Zwei-Zimmer-Wohnung." 

Gleich neben dem Haus gibt es einen kleinen Garten, den die BewohnerInnen dieser Anlage mit dem benachbarten Wohnblock teilen. Allerdings wächst alles nur auf Hochbeeten. Gepflanzt sind Gurken, Tomaten, Kräuter und Ähnliches, auch ein paar Blumenstauden, in großen Kunststoff-Wannen oder Kübeln. Die Erde ist hier in der  industriellen Vergangenheit so verseucht worden, dass nichts genießbar wäre, was seine Wurzeln direkt in den Boden schlüge. 

 

der Kanal war früher die Hauptverkehrsader von Molenbeek; heute entstehen an den Ufern hippe Loftbauten
der Kanal war früher die Hauptverkehrsader von Molenbeek; heute entstehen an den Ufern hippe Loftbauten

Am Kanal zu wohnen wird hipper
Die industrielle Geschichte wird sichtbarer, je mehr wir uns dem Kanal näheren. Seinerzeit war die kleine Wasserstraße die Hauptschlagader von "Klein-Manchester" Molenbeek und gleichzeitig auch die Stadtgrenze zu Brüssel. Die Backstein-Fabrikgebäude haben in den letzten Jahren neue Nutzung gefunden: Ein Street-Art-Museum, direkt am Kanal, was vor wenigen Monaten eröffnet wurde. Ein "hippes" Hotel für Kunstinteressierte, etwas betuchtere junge Touristen gleich nebenan. Ein Anbieter von Designer-Kleinmöbeln, der aber in Kürze zusperren muss, weil hier ein Loftprojekt  - wie an vielen Plätzen entlang des Kanals - entsteht. 

"Ja, das war früher ein Dorf, dann eine Arbeiterviertel, Industriearbeiter-Viertel und heute haben wir hier zum ersten Mal statistisch signifikant Akademiker wohnen – Leute mit Universitätsabschluss, weil halt hier hinten solche Loft-Projekte sind. Das sind praktisch nur die ersten 50 Meter hier am Kanal, fast ausschließlich. 

 

Text und Fotos: Marco Vanek

mehr zu den polit-historischen Stadtführungen Brüssel von Malte Woydt: www.woydt.be