Reisefeuilleton

Reportagen, Bildergalerien und Hintergrundinformationen zu interessanten Reisezielen


Reiseletter vom 28. Dezember 2018

Wie klingt die stille...

...oder vom Glück ihr zu begegnen

Anfang der 90er Jahre war Günter Stoof monatelang allein auf einer Forschungsstation in der Antarktis. Als Techniker kümmerte er sich dort um die Messgeräte. Und weil ihn das russische Versorgungsschiff nicht abholte, musste er insgesamt zwölf Monate dort ausharren...

 

Stoof machte weiter, als sei nichts geschehen, lief in diesem Jahr um die zehntausend Kilometer durch die Antarktis, um die Messgeräte abzulesen.

Meistens herrschte Sturm, erzählte er kürzlich in der ZEIT. Doch manchmal legte sich der Sturm, und für wenige Minuten sei die Welt ganz still geworden. Kein

Wind. Kein Geräusch. Keine Bewegung. Absolut still. „Wenn ich mich an diese Stille erinnere, dann sehe ich vor mir die Nacht. Die Welt stand still. Alles war erstarrt. Und wenn ich einen Schritt tat, knirscht unter den Füßen der Schnee. Weit und breit war kein Leben, keine Bewegung. In diesem Moment dachte ich an nichts. Mich überkam ein Gefühl der Zufriedenheit. Es herrschte ein absoluter, vollkommener Frieden…"

 

Wenn nun die stille Zeit vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger, hatte einst Karl Valentin süffisant bemerkt. Dieser Ruhe, die vielleicht irgendwann zur Stille wird, können wir besonders gut in den nächsten Wochen selbst entgegengehen, wenn um uns herum alles noch ruht. Sei es tief drinnen im verschneiten Wald oder hoch oben auf den Bergen, etwa „Am Stoa“, am Rande Oberösterreichs. Dort herrschen bereits beste Bedingungen vor, die Klänge der Stille einzufangen.

 

Einen ruhigen Start ins Neue Jahr und viel Inspirationen beim Durchstöbern unseres Reiseprogrammes wünscht im Namen des Teams

Marco Vanek 


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Guidecca

Durch Venedigs stillste insel

Calle Ferrando auf Guidecca - das touristische Leben spielt sich wo anders ab...
Calle Ferrando auf Guidecca - das touristische Leben spielt sich wo anders ab...

Insel der Verbannten, Garten-Insel der Aristokraten, Insel der Arbeiter und Bauern.... Die Isola della Guidecca hat  viele Namen. Hier liegen auch die Suburbs der Stadt, viele der reicheren VenezianerInnen haben früher diese Insel gemieden. Ihren melancholischen Charme der vergangenen Zeit hat sie aber bis heute bewahrt, trotz Spekulationsversuchen.

 

Der Rummel am Markusplatz ist außer Hörweite, das Gewurrle abertausender BesucherInnen in Umrissen aber erkennbar. Nur einige hundert Luftmeter

sind es über den Canale della Guidecca bis zum Markusdom. Doch diese Entfernung ist weit genug, um im Schatten des Touristenstroms zu bleiben. Hier auf der

kleinen Insel gibt es noch das Venedig, wie es sich vor 30, 40 Jahren in der gesamten Stadt anfühlte: ein Stadtteil mit vielen kleinen Läden, die die BewohnerInnen mit alltäglichen Gütern versorgen, sozialer Wohnbau, der die Mieten in bezahlbaren Höhen belässt, oder kleine vom Eigentümer selbst

betriebene Trattorien, die sich nach Rechnungslegung nicht als Touristenfalle entpuppen.

 

Guidecca hat eine leicht elektrisierende Anziehung, ist ein Kleinod mit einem wilden Mix aus verschiedenen Epochen und Stilen. Seien es alte herrschaftliche Villen, oder gesichtslose Zweckbauten am Campo Junghans, die von manchen auch Bausünde genannt werden. Viel ist passiert in den letzten fünfzig Jahren, schreibt Tom Schulz in der NZZ, der 2018 für drei Monate Stipendiat am Deutschen Studienzentrum in Venedig war. „Der Niedergang der ansässigen Industrie und des Handwerks, eine teilweise skrupellose Stadtplanung und manches andere, das in jedem Mafiaroman vorkommen könnte. Wie löst man ein Problem? Man zündet das Streitobjekt an und kann sich danach nicht mehr erinnern, wie es dazu kam. So geschehen mit dem Teatro La Fenice im Jahre 1996. Wenig später mit der ehemaligen Molino Stucky, der nach einem gescheiterten spekulativen Immobilienprojekt zum großen Teil zerstört wurde, wahrscheinlich

ebenfalls durch Brandstiftung. Um danach, befreit von denkmalpflegerischen Auflagen, zu einem Fünfsternehotel ausgebaut zu werden.“

 

Die Molino Stucky war früher die größte Mühle Venedigs und beherbert heute das Hilton. Von der Terrasse gibt es einen wunderbaren Blick über das Häusermeer der kleinen Insel.
Die Molino Stucky war früher die größte Mühle Venedigs und beherbert heute das Hilton. Von der Terrasse gibt es einen wunderbaren Blick über das Häusermeer der kleinen Insel.

 

Die Guidecca ist heute, schreibt Tom Schulz, „ein Behauptungszustand zwischen Spekulationsobjekt und dem inneren Zusammenhalt ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. „Diese leben zum Teil in Sozialbauten aus den 1960er und 1970er Jahren. Jeder kennt jeden, die alte Sage vom kleinen Platz lebt mit Bänken unter Bäumen, wo sich Nachbarn begegnen, von ihren Sorgen sprechen, vielleicht auch von Liebe. Wo man dem Älteren und Gebrechlicheren die Einkaufstasche in die Wohnung hinaufträgt…“.

 

Doch auch auf der Guidecca werden neue Eigentumswohnungen an mehreren Orten gebaut. Auch hier beginnen sich die BewohnerInnen zu wehren gegen den spekulativen Leerstand, protestieren gegen die Airbnbsierung der Stadt, die aus Wohnraum noch mehr Touristenunterkünfte macht. Vor einigen Jahren besetzten AktivistInnen leerstehende Häuser und belebten ihr Quartier mit kleinen urbanen Gärten. 

Die Guidecca ist nicht das Postkarten-Venedig, von dem täglich x-tausende Fotos gemacht werden, resümiert Schulz. „Sie ist Konflikt- und Resonanzraum. Hier werden Lösungen gesucht, die das Leben einer Gesellschaft wieder mehr als menschliche Gemeinschaft begreifen. Werden sie gefunden, wird es entscheidend sein für die Zukunft der kleinen Insel.“

Herta Gurtner: "Die Guidecca überrascht durch ihre Vielfältigkeit." Foto: privat
Herta Gurtner: "Die Guidecca überrascht durch ihre Vielfältigkeit." Foto: privat

 

Wir besuchten Venedig im Oktober 2018 und nahmen dabei seine Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts unter die Lupe. Herta Gurtner stellte die Reise zusammen und führte uns durch unbekannte Ecken der Lagunenstadt.

Über die Guidecca meinte sie: "La Giudecca, die frühere ArbeiterInneninsel Venedigs überrascht durch ihre Vielfältigkeit. Wo früher Brauereien, Mühlen und kleine Fabriken vorherrschten, wurden diese in den letzten Jahren zu  Nobelhotels, Wohnungen und Ateliers umgebaut. Durch Neubauten in den 1990er und 2000er Jahren, die teilweise als Sozialwohnungen gewidmet sind, können sich hier einheimische Familien das Leben in Venedig leisten. Kindergärten, Spielplätze und Schulen finden sich auf der Giudecca ebenso wie ein Frauengefängnis und das Luigi Nono Archivo. 

 

Natürlich ist auch auf der Giudecca die Gefahr der Gentrifizierung und Vermietung durch Airbnbsierung gegeben. Die BewohnerInnen wehren sich dagegen ebenso wie gegen die großen Kreuzfahrtschiffe. Es liegt aber an der Stadtpolitik hier Maßnahmen zu treffen und Maßstäbe für ein gutes Leben der VenezianerInnen zu setzen. Leider bisher ohne viel Ambition.

 

Text und Fotos: Marco Vanek

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Uholka - Transkarpatien

Faszination urwald

Transkarpatien, einst Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, ist näher bei Wien als bei der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Und so kommt es auch, dass unweit unseren Zielortes Rakhiv ein Denkmal steht, das als Mittelpunkt Europas verkauft wird. Einer von vielen möglichen Mittelpunkten. Es kommt eben darauf an, wie man Europa begrenzt.

 

Die Fahrt von der ungarischen Grenze bis nach Rakhiv, eine kleine Stadt in den Waldkarpaten, führt durch kleine Bauerndörfer und dauert: die Straßen sind von Schlaglöchern übersät. Doch es zahlt sich aus, sich diesen Winkel Europas näher anzusehen. Noch dazu wenn man eine Woche erwischt, in der ein dunkelblauer Himmel, höchstens mit ein paar kleinen Wolkengebilden verziert, die ganze Pracht des herbstlichen Farbenspiels der Laubmischwälder in ein unvergessliches Licht rückt. Da wird dann eine Wanderung auf den höchsten Berg der Ukraine, den 2.060 m hohen Howerla, zum Genuss. Auch wenn sich am Gipfel mit Radios ausgestattete patriotische Jugendliche und Familienwandergruppen ein Stelldichein geben, und dabei leider etliches an Müll zurücklassen. Naja, man muss auch noch dazusagen, dass uns Vasyl, unser Begleiter vom Biosphärenreservat der Karpaten, mit einem alten russischen Transportfahrzeug ein Stück des Weges nach oben gebracht hat. 

 

 

Bär, Luchs und Wolf sind hier noch häufig. Und die Frage, ob die Menschen hier Angst vor Wölfen haben, stößt auf Unverständnis. Eine frische Fährte eines Wolfes finden wir denn auch bereits am zweiten Tag. Am Weg in eines der Urwaldgebiete. Ja der Wald, der ist beeindruckend. Der größte Buchenurwald Europas erstreckt sich über gut 9.000 ha, er beeindruckt wenn man ihn von oben betrachtet, und er beeindruckt wenn man ihn durchwandert. Urwüchsige Baumgestalten, viel totes Holz voll Leben, und eine unglaubliche Vielfalt an Pilzen. Und dann noch eine endemische Nacktschnecke namens Blauer Schnegl mit einem Blau, das der Farbe des Himmels Konkurrenz macht.

 

 

Damit wir das alles in guter Verfassung erleben können, bemüht sich Vasyl auch, uns die ukrainische Küche näher zu bringen: sie ist abgestimmt auf die Holzarbeit in den Bergwäldern, also kalorienreich. Mit Speck und Würsten, Brimsen - dem lokalen Schafkäse, und natürlich auch einer Variante des Borschtsch, einer kräftigen Suppe mit Roten Rüben. Dazu mundet das lokale Bier, während man beim Schnaps vorsichtig sein sollte: er hat selten weniger als 50%.

Die einstimmige Meinung der Gruppe beim Abschied: wir kommen wieder!

 

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Brüssel

Durch das andere Molenbeek

Streetart ist eine wichtige zeitgenössische Kunstform
Streetart ist eine wichtige zeitgenössische Kunstform

Seit den Anschlägen  in Paris und Brüssel in den Jahren 2015/16 kennt die Welt das Stadtviertel Molenbeek in Brüssel als Brutstätte für Terroristen und als Symbol für Kriminalität. Aber es gibt auch ein anderes Molenbeek, das sich uns bei einem Spaziergang öffnete.

Malte Woydt
Malte Woydt

 

Willkommen in Molenbeek. Mein Name ist Malte Woydt. Ich bin gebürtiger Hamburger, Historiker und Politologe und lebe seit über zwanzig Jahren hier in Brüssel. Ich mache mit euch nun eine alternative Stadtführung. Alternativ heißt, dass ich versuche, nicht nur die touristische Oberfläche der Stadt zu zeigen, sondern mehr zu erklären, was dahintersteckt. Das heißt, wir machen immer eine Mischung aus schöneren, weniger schönen Ecken, um besser zu verstehen, wie alles zusammenhängt." 

 

Malte Woydt hat viel Detailwissen zur Geschichte Belgiens, Brüssel und eben auch zu Molenbeek. Heute Stadtteil der belgischen Hauptstadt mit rund 100.000 Einwohnern, war Molenbeek zu Beginn der Industrialisierung nicht nur eine der ersten Industriestädte, sondern auch eine der bedeutendsten. "Klein-Manchester" wurde es genannt. Lebensmittelindustrie, verarbeitende Industrie, Zulieferindustrie. Gute Schienenanbindung und der nahe Kanal zum Kohlerevier um Charleroi, südlich von Brüssel, machten es möglich. Aber Molenbeeks industrielle Hochzeit währte nicht sehr lange. 

 

1840 begann hier Europas Industrialisierung

"Weil die Straßen da alle viel zu eng sind und die Grundstücke alle viel zu klein sind, ist das für heutige Produktionsbetriebe völlig ungeeignet ist, sodass das Zentrum von Alt-Molenbeek praktisch vollkommen deindustrialisiert ist. Da ist überhaupt kein Produktionsbetrieb mehr."   

Aber es gibt noch die die Ruinen ehemaliger  Industrieanlagen, wie etwa das zerfallenden Backstein-Gebäude einer alten Gießerei.  

 

1840 war Molenbeek eine puffende Industriestadt, als man in Deutschland noch gar nicht wusste, wie eine Dampfmaschine aussieht – 1840!"  Um diese Geschichte zu wahren, um den Bewohnern und Bewohnerinnen ein bisschen etwas wie Stolz auf ihr Viertel zu geben, hat ein gemeinnütziger Verein, der ansonsten soziale Einrichtungen wie Nachhilfezirkel betreibt, hier in der alten Gießerei ein kleines Industriemuseum eingerichtet.   

 

Familienbetriebe dominieren
Die Genter Chaussee ist heute die Haupteinkaufsstraße in Alt-Molenbeek. Hier fallen nur alle diejenigen auf, die augenscheinlich keine nordafrikanischen Wurzeln haben. Nein, man läuft nicht durch ein "Ghetto". Aber durch ein stark durch die marokkanische Gemeinschaft geprägtes Stadtbild: Alte Läden im Stil der Dorfläden, den die ersten Migranten aus Marokko in den 60er-Jahren importierten. Schicke Boutiquen, wie sie ihre Kinder oder Enkel heute betreiben. Die Frauen fast alle das Haar bedeckt. Männer sind hier weniger. Die sind hauptsächlich in den Teestuben zwei Straßen weiter.  

der Genter Chaussee - die Einkaufsstraße Molenbeeks
der Genter Chaussee - die Einkaufsstraße Molenbeeks

 Wie ein kleines Dorf

Die Stimmung in Alt-Molenbeek ist wie  in einem multikulturelles Dorf. Menschen aus Marokko, aus Afrika, Türkei, Rumänien leben hier mit den gebürtigen BelgierInnen zusammen. Man kennt sich. Natürlich ist Molenbeek auch nicht nur reine Idylle, erzählt uns Malte. Es gibt enorm viel Kleinkriminalität. Armut, zu enge Wohnungen, für zu viele Familienmitglieder. Familiäre Gewalt, heruntergekommene Straßenzüge. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 30 Prozent. Bildungs- und Berufschancen sind deutlich geringer als in den betuchteren Stadtteilen Brüssels. Aber Molenbeek lässt sich nicht mit den anonymen, seelenlosen Wohnsilos der französischen Banlieues vergleichen. 

eine Nebenstraße in Alt-Molenbeek; Kleinhändler domieren den Straßenzug
eine Nebenstraße in Alt-Molenbeek; Kleinhändler domieren den Straßenzug
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Czernowitz

Die Stadt ist wie ein altes Buch

Die Stadt hat viele Namen: auf Deutsch Czernowitz, auch Tschernowitz, ukrainisch Чернівці Tscherniwzi; russisch Черновцы Tschernowzy, rumänisch Cernăuți, polnisch Czerniowce, jiddisch טשערנאָװיץ Tschernowitz, hebräisch צֶ׳רנוֹבִיץ Tschernowitz)
Die Stadt hat viele Namen: auf Deutsch Czernowitz, auch Tschernowitz, ukrainisch Чернівці Tscherniwzi; russisch Черновцы Tschernowzy, rumänisch Cernăuți, polnisch Czerniowce, jiddisch טשערנאָװיץ Tschernowitz, hebräisch צֶ׳רנוֹבִיץ Tschernowitz)

"Jeder Ort steht für etwas. Venedig ist Wasser, Glas und Filmstars. Parma ist Schinken. Und Czernowitz ist ein Buch. Es hat viele Stimmen und wird in vielen Sprachen verfasst", schreibt der Schriftsteller Igor Pomerantsev. Wir besuchten die ehemalige Literaturhauptstadt des Habsburger Reiches.

 

 

Die Reise nach Czernowitz hatte mehr 24 Stunden gedauert.  Mit dem Zug nach Krakau, Lemberg und dann noch das letzte Stück mit dem Bus quer durch die Bukowina.   Kurz vor Mitternacht: Ankunft in der Herrengasse in Czernowitz. Unbedingt wollen einige von uns die Beine in einem ersten Spaziergang vertreten und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Da ist man (gefühlt) um die Welt gereist, und findet hier die Häuser rechts und links mit ihren geschwungenen Erkern, klassizistischen Fensterfronten, zierlichen Jugendstilbalkonen so vertraut, als wäre man in der eigenen Kindheit- vielleicht eher noch der Kindheit der Großeltern - gelandet. Wir spazieren im warmen Licht der Straßenlaternen durch die Fußgängerzone hinunter. Vor hundert Jahren hätten wir hinter den Hausfassaden Deutsch wispern gehört. 

 

Durch diese Straßen ging der junge Paul Celan zur Schule. Zwei Straßen weiter wuchs Rose Ausländer auf. Und man sieht ihn geradezu vor sich, den kleinen Erwin - später Aharon - Appelfeld an der Hand seiner Mutter: Ja, oft seien sie hier spazieren gegangen, hatte der 1932 hier geborene Schriftsteller erzählt, der mit der Mutter Deutsch, den Großeltern Jiddisch und in der Schule Rumänisch sprach. Flaniert seien sie, und irgendwann hätten sie sich in einem der Cafes niedergelassen und Käsekuchen gegessen.

In der Bukowina/Buchenland

Czernowitz, seit 1775 der "östlichste Vorposten" der K.u.k.-Monarchie, war bis zu ihrem Ende im Ersten Weltkrieg die Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina, eine Stadt, in der Vielsprachigkeit ebenso blühte wie die jüdische Kultur und in der Deutsch Amtssprache war.

Möglich ist das immer noch: durch die alte Herrengasse flanieren, ihrem erstaunlichen Gefälle folgen bis hinunter auf den zentralen Ringplatz, von dem aus die Straßen in viele Richtungen abgehen, eine schöner als die andere.

 

Aber erst am nächsten Morgen nimmt man das Brüchige an der bewegend schönen Kulisse wahr. Häuserfassaden bröckeln, Fensterrahmen sind verzogen - zwischendurch stehen wieder perfekt renovierte Häuser. Und doch rührt die Stadt in dieser Gebrochenheit an. Es ist das unzerstörte, zauberhafte und zerbrechliche Gesicht einer längst versunkenen Zeit.

Auf dem Weg in die Universität läuft man immer wieder an alten Frauen vorbei, die am Straßenrand stehen: in Kittelschürzen und geblümten Kopftüchern, Eimer voller Zwetschken, Trauben, Eier und Äpfel vor sich; die kleinen harten Pfirsiche, die man für fünf Riftas, - ein paar Cent - kauft, sind unbeschreiblich gut. Mit Deutsch- und Englischkenntnissen ist nichts auszurichten, und langsam versteht man, dass dies schon fast 100 Jahre lang nicht mehr Czernowitz ist: seit 1991 ukrainisch, davor 46 Jahre sowjetisch, zwischen den Weltkriegen rumänisch.

Peter Rychlo ist Literaturprofessor an der Universität Czernowitz
Peter Rychlo ist Literaturprofessor an der Universität Czernowitz

Eigentlich ist Czernowitz-Cernivzi also sehr, sehr weit weg. Umso unglaublicher ist, dass heuer schon im neunten Jahr mit dem Lyrikfestival "Meridiane" eine Tradition der mehrsprachigen Lyrik wieder belebt wurde, die fast zu weit entfernt scheint, als dass man sie noch herholen könnte. 

Es war in den 1970er Jahren der damalige Germanistik-Student Peter Rychlo, dem als Erstem in Cernivzi das Ausmaß dieses "Schatzes" aufging, als er mit der 90-jährigen Stefanie Nussbaum die letzte Dichterin der Stadt aufsuchte, die noch deutsche Gedichte schrieb, - und in ihrer Bibliothek die reiche deutschsprachige Literatur aus Czernowitz fand.

 

"Ich war erschüttert von der literarischen Tradition meiner Stadt, von der niemand hier eine Ahnung hatte", sagt der 68-jährige Rychlo, der heute Professor ist und sie alle als Erster ins Ukrainische übersetzt hat: Paul Celan, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und andere.

Peter Rychlo machte sich daran, den Schatz zu heben. Auf dem Boden der äußerst liberalen Kultur, die sich im 19. Jahrhundert in Czernowitz entwickelt hatte, war eine reiche vielsprachige, vor allem deutsche Literatur gediehen. Niemand hat das vielleicht so schön ausgedrückt wie Karl Emil Franzos, als er Ende des 19. Jahrhunderts eine Ankunft in seiner "lieben, jungen, unfertigen Stadt am Pruth" beschrieb: "Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Mute, er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischzeug zu finden sind. Und will er wissen, wer dies Wunder vollbracht, so lausche er der Sprache der Bewohner, es ist die deutsche. Der deutsche Geist, dieser gütigste und mächtigste Zauberer unter der Sonne, er - und er allein - hat dies blühende Stücklein Europa hingestellt, mitten in die halbasiatische Kulturwüste."

 

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Unser Reiseschwerpunkt 2018:  Karpaten

Das Reisejahr 2018 steht ganz im Zeichen des großen osteuropäischen Gebirgszuges, der bereits wenige Kilometer hinter Wien beginnt.

Eine Siedlung im ukrainischen Rakhiv, in den Waldkarpaten
Eine Siedlung im ukrainischen Rakhiv, in den Waldkarpaten

Die Karpaten sind ein multinationales Territorium im östlichen Zentrum Europas. Eine terra incognita im Bewußtsein der meisten WesteuropäerInnen. Sie ziehen sich 1500km lang in einem Bogen von Hainburg, über die ganze Slowakei, Südpolen, die Ukraine, Rumänien und Ungarn. Alle fünf Anrainerstaaten der Karpaten haben drei auffällige Gemeinsamkeiten: sie gehörten vor 1918 zur multinationalen Monarchie Österreich-Ungarn, sie kamen allesamt nach 1945 in den Einflußbereich der siegreichen Sowjetunion und seit Jahrhunderten lebten hier bis zum Holocaust sehr viele Juden. Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit haben sich die Karpaten sowohl landschaftlich als auch kulturell eine Ursprünglichkeit bewahrt, die es sonst in Europa kaum mehr gibt.

 

Wir begeben uns auf mehrere Reisen in ein ländlich-gebirgiges Europa, das uns endlos fremd erscheint und doch die gemeinsamen kulturellen und historischen Wurzeln spüren läßt...


Luberon - Wandelgänge durch das Herz der Provence

wo die Einsamkeit, die Weite des kargen Landes, aber auch das Mittelalter noch gegenwärtig ist


Bonnieux, Apt oder Saignon waren vor mehr als 900 Jahren wohlhabende Kleinstädte inmitten eines trockenen und kargen Landes. Zeugen dieser Zeit sind heute noch zahlreich erhalten. Wir wandelten durch das auf den zweiten Blick schon sehr abwechslungsreiche Südfrankreich. 

 


Rhodopen: Ein Geisterdorf erwacht

 In Bulgarien verlassen immer mehr Menschen die Dörfer und ziehen in die Städte oder ins Ausland. Auf unserer Reise durch die Rhodopen besuchten wir das Dorf Kosovo, in das wieder Leben kommt.

 


Wandern durch die bulgarischen Rhodopen

Wild und unberührt ist die Heimat des Orpheus, bewaldete Höhenzüge mit einer einmaligen Vielfalt an Flora und Fauna. Mit Ausnahme mancher Wintersportorte, wie Pamporovo oder Tschepelare, sind die Rhodopen touristisch noch kaum erschlossen unsere Reise dorthin war wie ein kleines Abenteuer.

 


Maramuresch - durch ein Land am Rande Europas

Zu Ostern 2017 bereisten wir die nordwestliche Region Rumäniens. Mit dem Zug fuhren wir über Debrecen nach Satu Mare und waren dann im Land unterwegs mit dem Bus. Wir machten Halt in der Verwaltungshauptstadt der Region  in Baia Mare, besuchten das Geburtshaus des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel in Sighet und und verbrachten fünf Nächte in Viseu de Sus - dem früheren Oberwischau - am Fuße der Waldkarpaten.

Wir wanderten durch sanfthügelige, kleinstrukturierte und deshalb sehr artenreiche Landschaften. Sahen viele Bauernhöfe, die heute noch traditionell bewirtschaftet werden, so wie bei uns in Mitteleuropa vor mehr als fünfzig Jahren. Doch der "Fortschritt" wird auch in dieser Region nicht Halt machen. Die Vorboten der Moderne sind bereits im Anmarsch: Landraub, illegaler Holzeinschlag auch unter tatkräftiger Beteiligung österreichischer Firmen, überall im Land grassiert das Müllproblem... Die jungen Menschen dieser Region reagieren auf ihre Art und kehren der Region in Scharen ihren Rücken.

Doch es gibt Hoffnung auf eine Kehrtwende. Menschen wie der Ranger des Naturparks Maramuresch - Anton Brenner - setzen sich in ihrer täglichen Arbeit ein für eine (über)lebenswerte Zukunft dieser Region an der Außengrenze des EU-Europas und zeigen, dass mit zivilgesellschaftlichen Engagement ein gutes Leben möglich ist.


Mit der Waldbahn durch das Wassertal in der Maramuresch

Seit Jahrhunderten prägt Holz das Leben in der nördlichen Maramuresch an der heutigen ukrainischen Grenze.  Ab 1770 wurden oberösterreichische Holzfäller und Handwerker an den Rand der Waldkarpaten angesiedelt, um den Holzreichtum für die österreichische Krone nutzbar zu machen. Noch heute fährt die Schmalspurbahn von Oberwischau /Viseu de Sus die 40 Kilometer ins Wassertal um Holzfäller und Baumstämme zu transportieren. Mehr über diese Region mit oberösterreichischem Einfluss in einer Bildreportage.


Auf winterlicher Spurensuche entlang der Maltsch im ehemaligen Niemandsland

Kein Ort an der oberösterreichisch-südböhmischen Grenze spiegelt mehr die wechsel- und leidvolle Geschichte beider Länder wider als der ehemalige Markt Zettwing/Cetviny an der Maltsch. Mehr

 


Durch die letzte Wildnis Österreichs

Im Sommer  besuchten wir das letzte Wildnisgebiet in Österreich, das im Südwesten Niederösterreichs liegt. Eine Bildreportage über den langen Atem der Natur.

Die Vielfalt moderner Architekturen in Rom

Wir besuchten Rom und staunten über die Vielfalt moderner Baukunst- und -kultur abseits der touristischen Pfade.  Infos zu den besichtigten Bauten.