Winterwege an der Donau
Auf wenigen Stunden Gehzeit werden Wiens großer Hochwasserschutz, der Wandel des Donauraums zur Stadtentwicklungsachse und die stillen Winterlandschaften des Nationalparks Donau-Auen spürbar.

Anfang Dezember liegt über Wien dieser typische frühe Winter: ein blasser Himmel, die Luft kühl und klar, die Donau ruhig zwischen Betonufer und Auwald. Schon beim Ausstieg aus der U‑Bahn an der Reichsbrücke mischt sich Großstadtlärm mit dem Rauschen des Verkehrs, während unter uns der breite Strom vorbeizieht und dahinter die Silhouette der Donau City mit ihren Hochhäusern steht. Ein paar Schritte genügen – und wir stehen in einer ganz eigenen Welt aus Asphaltbändern, Leuchtturm, Graffiti und kahlen Bäumen auf der Donauinsel, die im Advent plötzlich fast still wirkt.
Der Weg nach Osten führt uns rasch aus der dichten Infrastrukturzone hinaus, vorbei an geschlossenen Schanigärten und verwaisten Spielplätzen, wo im Sommer Kinder im Wasser toben. Jetzt dominieren Joggerinnen, Radler:innen, Hundespaziergänger, einzelne Radfahrer; der Wind trägt das entfernte Rauschen der Autobahn herüber, doch gleichzeitig breitet sich eine unerwartete Weite aus. Rechts die regulierte Donau, links die ruhige Neue Donau – beides Produkte einer Stadt, die ihre Hochwasser bändigen wollte und dabei einen ihrer wichtigsten Freiräume geschaffen hat. Je weiter wir gehen, desto mehr rückt in den Hintergrund, dass wir uns eigentlich immer noch mitten in einer Millionenstadt bewegen.
Beim Übergang in Richtung Lobau verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Asphaltwege werden zu Erdwegen, die Böschungen der Donauinsel gehen über in feuchtere Wiesen und erste Auwaldstreifen. Zwischen nackten Ästen und dichten Schilffahnen öffnen sich Blicke auf Altwasser, in denen Nebelschwaden hängen können, während sich am Ufer Biberspuren und umgenagte Stämme abzeichnen. Der Winter legt eine dünne Stille über diese Landschaft; nur Krähen, gelegentlich ein Specht begleiten uns. Schließlich übertreten wir die nicht ganz so unsichtbare Grenze in den Nationalpark Donau-Auen – ein Schutzgebiet, das sich mit der Großstadt direkt im Rücken behaupten muss.
An der Dechantlacke, einem langgestreckten Donau-Altarm, machen wir eine Pause. Die Badestellen liegen verwaist, die Stege und Uferböschungen wirken jetzt wie Beobachtungsposten in eine andere Jahreszeit hinein. Auf der glatten Wasseroberfläche treiben Blätter, im Schilf raschelt es, vielleicht huscht ein Graureiher davon; die Uferbäume spiegeln sich dunkel im Wasser. Hier lässt sich ahnen, wie der Strom früher durch ein Geflecht aus Armen, Inseln und Lacken floss, bevor Regulierung und Dämme das System bändigten. Im Winter rücken diese Geschichten fast näher an die Oberfläche: Ohne sommerliche Betriebsamkeit bleibt Platz für die Fantasie, wie sich Hochwässer, Eisstöße und Rückzug des Wassers über Jahrhunderte in diese Landschaft eingeschrieben haben.
Über den Josefsteg und weiter Richtung Groß-Enzersdorf weitet sich die Szenerie noch einmal: Der Wald öffnet sich, erste Felder und der Rand des Marchfelds werden sichtbar, Traktorspuren ziehen sich als dunkle Linien durch den blassen Boden. Hinter uns die Auwälder, vor uns eine Kleinstadt mit jahrhundertealter Geschichte – Stadtmauerreste, Kirchturm, Straßen, die tief in das agrarische Hinterland führen. An einem Adventnachmittag wirkt Groß-Enzersdorf beinahe dörflich: wenige Menschen auf den Straßen. Am Ende dieses Dezembertages haben wir eine ganze Raumfolge durchschritten – vom Hochhauskranz an der Donau, über die künstlich geschaffene Freizeitinsel und die geschützten Auwälder bis an den Rand der weiten Marchfeldebene – und erlebten, wie sich Stadtentwicklung, Flussgeschichte und winterliche Natur auf wenigen Stunden Gehen verdichten können...












