Hausruckwald:

Grenzwege und Kohleflöze

Eine GEHzeit zwischen Grenzsteinen, Braunkohlegeschichte und den tödlichen Ereignissen im Februar 1934.

Wo früher die Grenze zwischen Bayern und Österreich verlief, ist heute die Gemeinde- und Viertelgrenze innerhalb Oberösterreichs.
Wo früher die Grenze zwischen Bayern und Österreich verlief, ist heute die Gemeinde- und Viertelgrenze innerhalb Oberösterreichs.

Wenige Schritte vom verschlafenen Bahnhof Hausruck entfernt, stehen wir mitten in einer winterlichen Landschaft, die leise ist und doch von Geschichte durchdrungen. Unter der Schneedecke verbergen sich hier nicht nur Wurzeln und alte Wege, sondern auch Braunkohlenflöze, Grenzlinien und Erinnerungen an politische Kämpfe. Während in der Ferne die Hügel von Inn- und Hausruckviertel ineinander übergehen, folgen wir einem Weg, der sich zunächst über Felder zieht und dann durch den Fichtenwald.  Erst nach einer guten Stunde erreichen wir jenen Höhenzug, der seit Jahrhunderten eine Trennlinie zwischen Landschaften, Herrschaften und Mentalitäten markiert. 

 

Seit mehr als 400 Jahren symbolisiert dieser Stein die Grenze zwischen dem Hausruck- und dem Innviertel, früher zwischen Bayern und Österreich.
Seit mehr als 400 Jahren symbolisiert dieser Stein die Grenze zwischen dem Hausruck- und dem Innviertel, früher zwischen Bayern und Österreich.

 

Bayern und Österreich: Geschichte in der Landschaft

Heute bildet der Hausruckkamm die Grenze zwischen mehreren Gemeinden, aber auch für Oberösterreich die Grenze zwischen dem Inn- und dem Hausruckviertel. Von der jahrhundertealten Bruchlinie zwischen Bayern und dem Habsburgerreich erinnert nur mehr der historische Grenzstein mitten im Wald.

 

Das Innviertel war lange Zeit bayrisch, wechselte erst im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert mehrmals die staatliche Zugehörigkeit und fand schließlich im Kaisertum Österreich seinen Platz. Der Hausruckwald markierte dabei eine natürliche Scheide: Märkte südlich des Rückens orientierten sich nach Wels und Linz, Dörfer nördlich blickten wirtschaftlich und kulturell oft noch nach Braunau und Passau. Ein historischer Grenzstein aus dem frühen 17. Jahrhundert mitten am Weg erinnert noch an diese historische Grenzziehung.

 

Braunkohle als Motor der Region
Je weiter wir in den Wald eintauchen, desto deutlicher wird: Dieser „große Wald“ war nie nur Naturkulisse. Seit dem 18. Jahrhundert wurde unter ihm in großem Stil Braunkohle gewonnen, zunächst für Salinen und lokale Gewerbe, später – nach der Bündelung mehrerer kleiner Gruben – zunehmend industriell organisiert. 
Mitte des 19. Jahrhunderts entstand aus der Zusammenlegung verschiedener Felder die Wolfsegg‑Traunthaler Kohlenwerksgesellschaft, die mit eigenen Bahnen, Aufbereitungsanlagen und Zechensiedlungen zum dominierenden Unternehmen der Region aufstieg und zeitweise mehrere Tausend Beschäftigte zählte. Die Kohle aus dem Hausruck befeuerte zunächst Salinen, dann Lokomotiven und schließlich Kraftwerke wie Timelkam und trug nach 1945 auch zum Wiederaufbau Österreichs bei, bevor der Abbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrittweise zurückging. Anfang der 1990er Jahre war dann endgültig Schluss mit dem Kohleabbau.

 

Spuren des Bergbaus – alte Bahndämme, verwachsene Stolleneingänge, ehemalige Brecheranlagen und Betriebsflächen - waren an diesem Tag wegen des Schnees nicht sichtbar bzw. lagen abseits unserer Route. Diese Orte lassen sich in der schneelosen Zeit bis heute als Narben und Erzähllinien in der Landschaft ablesen, teils als museale Orte und Themenwege wie dem „Kohle und Dampf Weg“ neu interpretiert.

  

1934: Der Hausrucktunnel und die politische Gewalt

Zwischen den dunklen Stämmen des Winterwaldes klingt ein anderes Kapitel an, das in den offiziellen Wanderkarten meist nur in Nebensätzen vorkommt. Der Hausrucktunnel, Teil der Bahnverbindung im Revier, war im Februar 1934 Schauplatz eines Gefechts zwischen Republikanischem Schutzbund und staatlichen Kräften, bei dem es Tote gab. Damit schrieben sich die bürgerkriegsähnlichen Ereignisse in die Infrastruktur des Bergbaus ein. Wenn wir heute mit dem Zug durch den Tunnel fahren oder oberhalb der Tunnelröhre wandern, bewegen wir uns durch einen Ort, an dem sich Arbeitsalltag, Transportlogik und politische Gewalt überlagerten.

Die Freizeitarena bei Haag mit der Aussichtswarte Luisenhöhe war ein wichtiges Transformationsprojekt, das aber finanziell scheiterte. / Foto: wikipedia
Die Freizeitarena bei Haag mit der Aussichtswarte Luisenhöhe war ein wichtiges Transformationsprojekt, das aber finanziell scheiterte. / Foto: wikipedia

 

Freizeitwirtschaft im Wandel: Die Luisenhöhe und ihre Folgen

 

Als in den 1980er Jahren absehbar war, dass es mit dem Kohleabbau dem Ende zuging, versuchte die Landespolitik den Strukturwandel von Bergbauwirtschaft hin zur Freizeitwirtschaft zu fördern. Bei Haag entstanden schon früher verschiedene Freizeiteinrichtungen, ein großer Hotelkomplex, eine Sommerrodelbahn, eine Gondelbahn und vieles andere mehr. Jetzt im Winter stehen die Anlagen still. Die Zukunft dieses Freizeitkomplexes ist aber ungewiss.

 

Diese Freizeitlandschaft erzählt uns von der zweiten Transformationsgeschichte. Rund um den Erlebnisberg Luisenhöhe zeigt sich exemplarisch, wie ländliche Gemeinden zwischen touristischen Ambitionen, finanziellen Risiken und der Hoffnung auf „Umwegrentabilität“ balancieren.

Die frühere Erlebnisberg Luisenhöhe GmbH war wirtschaftlich nicht tragfähig; hohe Investitionen in Bergbahn, Sommerrodelbahn und Infrastruktur ließen sich über laufende Erträge nicht decken, die Gesellschaft schlitterte in die Insolvenz. Um eine Zerschlagung des Areals zu verhindern, erwarb die Marktgemeinde Haag wesentliche Teile der Anlage – von der Bahn über die Rodelbahn bis zur Waldschenke –, mit der Idee, das Ensemble mittelfristig touristisch weiter nutzen zu können. Prüfberichte des Landes Oberösterreich weisen allerdings darauf hin, dass dieser Schritt die Gemeindefinanzen langfristig belastet und eine sorgfältige Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zwingend nötig ist.

 

Gleichzeitig gilt die Luisenhöhe vielen als Symbol für den Versuch, den Hausruckwald als Freizeit- und Erlebnislandschaft zu positionieren: als Ergänzung zu Freibad, Golfplatz, Wanderwegen und dem Angebot der Vitalwelt Bad Schallerbach. Die Idee dahinter ist weniger ein unmittelbarer Gewinn der Bergbahn, sondern die indirekte Wertschöpfung – Gäste, die zum Erlebnisberg kommen, danach im Ort einkehren, nächtigen oder wiederkehren. Im größeren Rahmen der oberösterreichischen Tourismus- und Freizeitwirtschaft, die einen relevanten Anteil zur regionalen Wertschöpfung beiträgt, versucht Haag so, Anschluss zu halten zwischen ambitionierter Standortpolitik und der sehr konkreten Frage, wie viel Freizeitwirtschaft sich eine kleine Gemeinde leisten kann.

 

Der Hausruckwald zählt zu den größten zusammenhängenden Waldgebieten Österreichs.
Der Hausruckwald zählt zu den größten zusammenhängenden Waldgebieten Österreichs.

 

Der große Waldraum Hausruck 
Der Hausruckwald ist nicht nur ein „großer Wald“, sondern eine eigenständige Landschaftseinheit mit beachtlicher Ausdehnung und klaren Nutzungsstrukturen. Gemeinsam mit dem Kobernaußerwald bildet er einen mehrere Zehntausend Hektar umfassenden, nahezu geschlossenen Waldgürtel zwischen Inn- und Hausruckviertler Hügelland, dessen Höhenrücken meist zwischen 600 und 770 Metern liegt. Im Vergleich zu vielen anderen Waldgebieten des Alpenvorlands fällt seine Geschlossenheit auf: Während andernorts Felder und Siedlungen den Wald stark zergliedern, präsentiert sich der Hausruck vielerorts noch als zusammenhängender Forstblock, der Klimafunktion, Holzproduktion und Erholungsraum gleichzeitig erfüllt.

 

Eigentumsrechtlich dominiert Privatwald, ergänzt um Flächen von Kirchengemeinden, der öffentlichen Hand und einigen größeren Forstbetrieben; großflächige Staatsforste wie in alpinen Regionen sind hier die Ausnahme. In der Baumartenzusammensetzung überwiegen nach wie vor Nadelwälder – vor allem Fichtenforste –, doch natürliche oder geförderte Mischwälder aus Fichte, Tanne und Buche nehmen zu, stellenweise kommen Eichen- und Buchenbestände mit höherem Naturschutzwert hinzu. Typische Lebensräume sind Bachschluchten mit Erlen- und Eschenbeständen, kleinflächige Moor- und Quellbereiche sowie strukturreiche Waldränder, die für Vogelwelt, Amphibien und Insekten bedeutsam sind; Reh- und Schwarzwild, Fuchs und gelegentlich auch Greifvögel wie Bussard oder Habicht prägen das faunistische Bild.

 

Genutzt wird der Hausruckwald heute vor allem als Wirtschaftsforst und Naherholungsgebiet: Forststraßen, Schlägerungsgassen und Windwurfflächen zeugen von intensiver Holzbewirtschaftung. Gleichzeitig sind aber im Waldgebiet Wanderwege, Weitwander­routen wie der Hausruck‑Kobernaußerwald‑Weg und zahlreiche Rad- und Reitstrecken eingewoben. In ehemaligen Bergbauarealen kommen spezielle Folgenutzungen hinzu – vom Museumsbetrieb in Ampflwang über Naturentwicklungsflächen bis zu touristischen Angeboten –, während naturschutzfachliche Konzepte versuchen, wertvolle Biotope zu sichern und eine stärkere Durchmischung der Waldbestände zu fördern, um den Wald klimafitter und ökologisch stabiler zu machen.

 

Text: Marco Vanek

Fotos: Marco Vanek, Maria Jordan



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