Ruhe und Einsamkeit über dem Transittal
Eine Winterwanderung hoch über dem Salzachtal bei Werfen mit vielschichten Eindrücken über das Tal und die jahrhundertealte Kulturlandschaft.

Wir steigen in Werfen aus dem Zug und schon nach ein paar Schritten hören wir ein konstantes Rauschen in der Luft. Der Lärm von Autobahn und Bundesstraße dringt durch das enge Tal und erinnert daran, dass Werfen seit Jahrhunderten Durchgangsort an einer wichtigen Route ist. Der Markt wurde im Mittelalter bewusst an dieser Engstelle der Salzach gegründet, um Handel und Verkehr zu kontrollieren, zu versorgen und zu besteuern. Später kamen Eisenbahn und Bundesstraße dazu, im 20. Jahrhundert schließlich die Tauernautobahn mit ihrer Tunnelkette. Sie bündelt den Transit, bringt aber dauerhaft Lärm und Belastung ins Tal. Unten im Markt stehen heute viele Geschäfte leer, die Nahversorgung ist ausgedünnt, vieles hat sich in regionale Zentren verlagert. Weiter oben am Berg wirkt die bäuerliche Wirtschaft aber sehr vital.
Transitort Werfen:
Ohne den Transit wäre Werfen vor rund 800 Jahren nicht entstanden. Seit dem Mittelalter verläuft hier eine der wichtigsten Nord–Süd‑Achsen zwischen Salzburg und dem inneralpinen
Raum; der Markt wurde bewusst an dieser Engstelle gegründet, um Verkehr zu kontrollieren, zu versorgen und zu besteuern. Hoch darüber wacht die Festung Hohenwerfen über Tal und Route – steinerner
Ausdruck dieser Funktion als „Tor“ ins Gebirge. Ab 1875 kam dann die Eisenbahn in den Ort und verband die Region mit dem internationalen Bahnnetz. Anfang der 1970er Jahre wurde
schließlich die Tauernautobahn fertiggestellt.
Tourismus und Landwirtschaft:
Nach etwa 300 Höhenmetern hinauf Richtung Sonneck und Schwarzkogel hat sich das Bild dieses Tals gravierend verändert: Die Verkehrsachsen rücken immer weiter weg und wir tauchen in eine
Kulturlandschaft ein, die trotz Strukturwandel erstaunlich lebendig wirkt. Die steilen Hänge über Werfen waren über Jahrhunderte die Reserveflächen der Bergbauern und -bäuerinnen. Im Sommer
trieben sie Vieh auf höher gelegene Weiden und Almen, spezialisierte Schwaighöfe produzierten Milch, Butter und Käse und sicherten so das Überleben der Höfe im Tal. Viele Hof‑ und Familiennamen
erinnern daran bis heute. Wir gehen vorbei an der Sonneck-Hütte, die 1932 gebaut und schon kurz darauf vom Edelweiss-Club Salzburg als einfache Urlaubshütte übernommen wurde. Sie steht
mitten in einem Gebiet, das davor fast ausschließlich der Alm- und Waldwirtschaft diente.
Der Tourismus in Werfen profitiert heute von seiner Lage an der Salzach und von starken Einzelattraktionen. Die Festung Hohenwerfen und die nahe Rieseneiswelt
ziehen seit Jahrzehnten viele Tagesgäste und Busgruppen an, die oft nur kurz im Ort verweilen. Daneben entwickelt sich langsam ein ruhigerer Tourismus rund ums Wandern, Klettern und
Wintererlebnis in den umliegenden Bergen. Gleichzeitig zeigt der Ortskern typische Probleme vieler Transitorte: Leerstände bei Geschäften und eine ausgedünnte Nahversorgung stehen einer nach wie
vor attraktiven Kulturlandschaft rundherum gegenüber.
Almwirtschaft lebt:
Heute ist Werfen landwirtschaftlich stark von Alm- und Forstwirtschaft geprägt, die im Pongau insgesamt eine wichtige Rolle spielen. Rund ein Viertel der Landesfläche Salzburgs ist Almgebiet,
etwa 1.700–1.800 Almen werden aktiv bewirtschaftet; ein Schwerpunkt der Melkalmen liegt in Pinzgau und Pongau. Viele Betriebe treiben ihr Jungvieh und teils Milchkühe im Sommer auf die höher
gelegenen Weiden über dem Salzachtal, auch im Raum Werfen und Richtung Hagengebirge dienen die Almen als zusätzliche Futtergrundlage und zur Entlastung der Heimweiden.
Auf unserem Weg zum Schwarzkogel öffnen sich immer wieder schöne Ausblicke: hinunter ins Tal zur Autobahn und Bahnlinie, hinüber ins Tennengebirge, um uns herum Almhänge, Bergwald, einzelne Höfe und der Horizont der Kalkhochalpen mit dem Hochkönig. Hier oben wird deutlich, wie gegensätzlich diese Landschaft gelesen werden kann: unten Transitlärm und ein Markt, der um neue Funktionen ringt, oben eine von Menschen geprägte Bergwelt, in der Viehhaltung, Wandern und Erholung nach wie vor zusammenkommen. Unsere Wanderung erzählt genau diese Doppelgeschichte: von einem Durchgangsort an der Salzach und von einer Kulturlandschaft, die sich ihre eigene Ruhe über dem Transitlärm bewahrt hat...
Text und Fotos: Marco Vanek








