Seewinkel II:

Am Rand der Großen Steppe

Zu Fuß durch den westlichsten Ausläufer des eurasischen Steppenbandes im Seewinkel – von Salzlacken und Steppenwind bis zu Klimawandel und gefährdeter Pusztalandschaft.

Hinter Apetlon beginnt das eurasische Steppenband, das sich mit kurzen Unterbrechungen über 7000 km östlich bis in die Ostmongolei erstreckt.
Hinter Apetlon beginnt das eurasische Steppenband, das sich mit kurzen Unterbrechungen über 7000 km östlich bis in die Ostmongolei erstreckt.

 

Die 14‑Kilometer‑Wanderung von St. Andrä am Zicksee über die Lange Lacke nach Apetlon führt mitten durch den westlichsten Ausläufer des eurasischen Steppenbandes: eine weite, vom Wind gezeichnete Pusztalandschaft, in der Salzlacken, Hutweiden, trockene Böden und der weite Himmel den Ton angeben. Zwischen Zicksee und Apetlon sahen wir das Bild einer europäischen Miniatur‑Steppe, in der sich Wasserknappheit und zeitweilig überschwemmte Lacken, Weingärten, Wiesen und Weideflächen zu einem komplexen Landschaftsmosaik verbinden.

Jahrhundertelang wurde über diese Brunnen das Grundwasser genutzt.
Jahrhundertelang wurde über diese Brunnen das Grundwasser genutzt.

Ein Puzzleteil im großen Graslandgürtel Eurasiens
Gleichzeitig ist dieser Seewinkel nur ein kleines Puzzleteil in einem riesigen Graslandgürtel, der sich von der Pannonischen Tiefebene und der ungarischen Puszta über die kasachische Steppe bis in die weiten Steppen der Ostmongolei und an Flüsse wie den Khalkhin Gol erstreckt. Dort, in der daurischen Steppe rund um den Amur‑Raum, setzen sich die vertraut wirkenden Wellen aus Federgräsern und Steppengras fort. Allerdings herrschen im Osten extreme kontinentale Klimabedingungen mit heißen, trockenen Sommern, sehr kalten Wintern und raschen Übergängen. Während im Seewinkel Wasser in Form von seichten Lacken, Schilfgürteln und einem abgesenkten, aber noch spürbaren Grundwasser eine wichtige Rolle spielt, dominieren im Osten großflächige Trockenräume, in denen wandernde Gazellenherden und halbnomadische Tierhaltung das Landschaftsbild mitprägen.

Vom Wind und Trockenheit gezeichneter Baum mitten in der Steppe
Vom Wind und Trockenheit gezeichneter Baum mitten in der Steppe

Die Steppe unter Druck
Dieses eurasische Steppenband steht heute an vielen Stellen unter starkem Druck: In Osteuropa und Zentralasien wurden große Teile der Steppe in Ackerland umgewandelt. Dies passierte häufig bis weit in niederschlagsarme Kurzgrassteppen hinein, was durch Tiefpflügen, Monokulturen und fehlende Landschaftsgliederung zu Erosion, Humusverlust und Verarmung der Böden führte. Hinzu kommt Überweidung, bei der die dichte, mehrjährige Grasnarbe verschwindet. Einjährige Arten nehmen dadurch überhand, der Boden bleibt ungeschützt der Wind‑ und Wassererosion ausgesetzt. So entwickeln sich diese Flächen sukzessive hin zu Halbwüsten.  Die Klimaerhitzung verstärkt diese Prozesse: Längere Trockenphasen, zunehmende Hitze und extremere Winde lassen Böden zusätzlich austrocknen. Klimazonen verschieben sich und dies führt dazu, dass ein beträchtlicher Teil der gemäßigten Steppenflächen bis zum Ende des Jahrhunderts zu trockeneren, wüstenähnlichen Zonen werden könnte.

 

Einige Wege führen nah an die Naturschätze des Nationalparks heran, wie hier an die Lange Lacke.
Einige Wege führen nah an die Naturschätze des Nationalparks heran, wie hier an die Lange Lacke.

 

Was der Seewinkel bereits verloren hat:

Auch der Seewinkel ist von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen: Grundwasserabsenkung, Entwässerungsmaßnahmen, Wasserentnahme, veränderte Bewirtschaftung und häufigere Dürreperioden haben die Zahl der Salzlacken bereits massiv reduziert und viele ehemals salzige Feuchtstellen in Wiesen, Äcker oder verbuschte Flächen verwandelt. Damit gehen nicht nur charakteristische Bodenformen und Salzfluren verloren, sondern auch spezialisierte Tier‑ und Pflanzenarten, die auf diesen extrem trockenen, sommerheiß‑salzigen Lebensraum angewiesen sind. Schutzgebiete wie der Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel, internationale Initiativen im daurischen Steppenraum oder Natura‑2000‑Gebiete in anderen Steppen‑ und Trockenrasenregionen versuchen gegenzusteuern, indem sie Salzböden, Trockenrasen und traditionelle extensive Beweidung als Schlüssel zum Erhalt dieser besonderen Landschaften begreifen.

 

Wer heute durch den Seewinkel wandert, erlebt damit nicht nur eine eindrucksvolle Landschaft zwischen Zicksee, Lange Lacke und Apetlon, sondern geht zugleich durch einen sensiblen Teil eines weltweiten Steppengürtels. Dessen Zukunft hängt  von unserem Umgang mit Wasser, Boden, Klima und Nutzung ab.

 


Infodossier: Das Eurasische Steppenband vom Seewinkel bis in die Ostmongolei:

Das Dossier stellt die Wanderung im Seewinkel in den großen Zusammenhang des eurasischen Steppenbandes und vergleicht den Seewinkel mit der Region Khalkh Gol in der Ostmongolei: hier eine kleinteilige, jahrhundertelang genutzte Steppenrand-Landschaft mit Salzlacken, Schilf und Weinbau – dort eine weiträumige, kaum besiedelte Grassteppe mit nomadischer Viehwirtschaft. Eine Vergleichstabelle stellt beide Regionen anhand von Klima, Vegetation, Fauna und Geschichte gegenüber. Am Ende findet sich eine kommentierte Linkliste zu weiterführenden Quellen über den Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel und die Steppen der Ostmongolei.

 

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Vergleich zwischen Seewinkel und dem östlichsten Ende des Steppenbandes in der Ostmongolei bei der Stadt Khalkghol
Infodossier Seewinkel - Ostmongolei_Stan
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Vom westlichsten Punkt des eurasischen Steppenbandes in Apetlon bis zum östlichsten Punkt bei der Stadt Khalkghol sind es ungefähr 7.250 km, die beiden Punkte sind exakt am gleichen Breitengrad. Das Steppenband wird nur zwei Mal unterbrochen: durch die Karpaten und den Ural.

 

Text und Fotos: Marco Vanek
Die Tour zum Nachgehen auf Alpenvereinaktiv




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