Trauntal:

Vom Moor zum Kloster

eine kleine Zeitreise durch das Trauntal von Bad Wimsbach-Neydharting über Stadl-Paura nach Lambach

Stift Lambach - das Kloster am Wasser steht hier seit fast tausend Jahren.
Stift Lambach - das Kloster am Wasser steht hier seit fast tausend Jahren.

 

Vierzehn Kilometer, drei Stationen, mehrere Jahrhunderte. Unsere erste Etappe auf der kleinen Wanderserie durch das Welser Umland führte uns durch eine der geschichtsträchtigsten Landschaften Oberösterreichs: vom mittelalterlichen Moorheilbad Neydharting, dessen Badekultur bereits im 13. Jahrhundert urkundlich belegt ist, durch die stillen Traunauen, die einst als Salzstraße Europas dienten, vorbei an einem Wald, der die Bunker einer NS-Munitionsanlage bis heute in sich trägt – und schließlich hinein ins barocke Lambach mit seinem fast tausend Jahre alten Benediktinerstift. Und: die Anreise mit dem historischen Triebwagen der Vorchdorferbahn, Baujahr 1951. Eine Wanderung, die nicht nur die Beine forderte, sondern auch den Kopf und das Herz.

 

1951, und das ist gut so

Wir reisen nicht mit dem Auto. Wir reisen mit der Zeit. Die Lokalbahn Lambach–Vorchdorf-Eggenberg – im Volksmund die „Vorchdorferbahn" – bringt uns mit Garnituren ins obere Almtal, die aus dem Jahr 1951 stammen: Triebwagen des Typs ET 22.106 und ET 22.107, von der SGP gebaut, von der Linzer Lokalbahn für die Strecke ausgeliehen. Erneuerte gemusterte Polster, Holzrahmen, das leise Surren der Elektrik. Kein WLAN, kein Bildschirm. Nur Landschaft und Gespräche. Die Bahn fährt seit 1903. Wer sie nutzt, versteht sofort, dass langsames Reisen keine Einschränkung ist, sondern eine Haltung.

 

Blick auf das Kurgelände / Schloss Neydharting, Foto: Angela Dannbauer
Blick auf das Kurgelände / Schloss Neydharting, Foto: Angela Dannbauer

Ein Kurort mit 800-jähriger Geschichte

Bad Wimsbach-Neydharting ist kleiner als sein Name. Rund 2.500 Einwohner, ein Marktplatz, ein Gemeindeamt – und darunter, buchstäblich, die Überreste eines der ältesten Bäder Österreichs. Archäologen:innen fanden unter dem heutigen Kurhaus hölzerne Badewannen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. 1364 notieren die Annalen des Stifts Lambach ein Bad „in der Moosleiten" – das Moorheilbad Neydharting ist urkundlich belegt.

Der Moorboden, der hier zutage tritt, ist kein gewöhnlicher Schlamm. Er ist reich an Huminsäuren, Mineralien und organischer Substanz – und wird bis heute therapeutisch genutzt. Das Neydhartinger Moor ist heute Naturschutzgebiet. 

Blick über die Kulturlandschaft Richtung Traunauen
Blick über die Kulturlandschaft Richtung Traunauen

 Zwischen Almtal und Trauntal: eine Landschaft als Kreuzung

Die Hügel hier sind nicht dramatisch. Ackerflächen wechseln mit Obstwiesenresten, Auwaldstreifen mit offenem Grünland. Im Süden zeichnen sich die Voralpenkämme und das Sengsengebirge ab. Wir stehen geografisch genau zwischen dem Almtal, das sich vom Süden her einschneidet, und dem breiteren Trauntal, das uns nach Norden trägt.

 

Diese Lage war kein Zufall. Sie machte die Region über Jahrtausende zum Knotenpunkt. Hier kreuzten Handelswege, hier wurde das Salz des Salzkammerguts umgeladen, hier wuchs ein Kloster zur Macht.

Bis zu 17 Salzstadln standen früher an der Traunlände. Heute erinnert ein renovierter Nachbau an die Hochblüte der Salzschifffahrt.
Bis zu 17 Salzstadln standen früher an der Traunlände. Heute erinnert ein renovierter Nachbau an die Hochblüte der Salzschifffahrt.

Weißes Gold auf schwarzem Wasser: die Salzschifffahrt auf der Traun

Der Fluss, der uns begleitet, war einmal eine Autobahn. Auf der Traun rollte das Hallstätter Salz flussabwärts – auf mächtigen Salzzillen von bis zu 30 Metern Länge, von Gmunden bis nach Stadl-Paura. Dort wurde die Traun seichter. Die Ladung musste umgeschifft werden. Mit über 200 stationierten Zillen war Stadl-Paura die bedeutendste Schifffahrtsstation der gesamten Traun. Die hölzernen Lagerhallen über dem Wasser – die „Stadln" – gaben dem Ort seinen Namen.

Die Rückfahrt der leeren Schiffe war eine logistische Meisterleistung: Schwere Norikerpferde zogen die Zillen am Traunufer flussaufwärts zurück – der sogenannte Schiffsgegentrieb. Diese Technik ist heute immaterielles UNESCO-Kulturerbe und wird vom Schifferverein Stadl-Paura lebendig gehalten. 1911 endete der Salztransport auf der Traun. Die Eisenbahn hatte gewonnen. Was blieb, sind die Auwälder – Erlen, Weiden, Überflutungsmulden, Stille.

Ein hoher Zaun schützt das heutige Heeresmunitionslager bei Stadl-Paura. 1939 wurde hier eine NS-Munitionsfabrik errichtet.
Ein hoher Zaun schützt das heutige Heeresmunitionslager bei Stadl-Paura. 1939 wurde hier eine NS-Munitionsfabrik errichtet.

Ein Wald mit Gedächtnis

Der Weg nach Lambach führt uns ein längeres Stück durch den Wald.  Nichts Außergewöhnliches, scheinbar. Doch dieser Wald trägt eine schwere Geschichte. 1938 kaufte die deutsche Luftwaffe rund 200 Hektar Wald vom Stift Lambach – ohne Verhandlung, ohne Entschädigung für Privatbesitzer. Mitten in das Gelände baute sie die Luft-Hauptmunitionsanstalt Lambach: 22 große Lagerhäuser, 63 Munitionsbunker, Kasernen, Werkstätten. Die Anlage war so tief im Wald versteckt, dass alliierte Bomber sie nie fanden.

Kurz vor Kriegsende wurden ukrainische Zwangsarbeiterinnen in der Anlage untergebracht. Zwei von ihnen versuchten zu fliehen. Sie wurden der Polizei übergeben und hingerichtet.

Nach 1945 kaufte die Republik Österreich das Gelände. Heute ist es Bundesheer-Areal. Die Bunker stehen noch. Ein kilometerlanger Zaun grenzt das heutige Munitionslager von außen ab.

 

Die Dreifaltigkeitskirche in Stadl-Paura steht gegenüber dem Stift Lambach und wird von den Mönchen pastoral mitbetreut.
Die Dreifaltigkeitskirche in Stadl-Paura steht gegenüber dem Stift Lambach und wird von den Mönchen pastoral mitbetreut.

 

Lambach: fast tausend Jahre in Stein

Das Benediktinerstift Lambach empfängt uns mit seiner barocken Fassade – und dahinter mit einer Geschichte, die bis ins Jahr 1056 zurückreicht. Gegründet vom heiligen Adalbero, Bischof von Würzburg und Graf von Lambach, zunächst als Säkularkanonikerstift, ein Jahrzehnt später in ein Benediktinerkloster umgewandelt.

 

Was wir von außen sehen, ist das Ergebnis einer intensiven Bautätigkeit im 17. und frühen 18. Jahrhundert. Was wir innen ahnen, aber diesmal nicht gesehen haben, sind romanische Fresken aus dem 11. Jahrhundert – zu den bedeutendsten Zeugnissen ihrer Art im gesamten deutschen Sprachraum. Die Bibliothek umfasst rund 60.000 historische Bände, das Archiv 700 Handschriften. Knapp tausend Jahre Geistesleben in einem Haus.

 

Das Stift Lambach versteht sich heute als „Kloster am Fluss. Unter Abt Maximilian Neulinger OSB lebt derzeit eine kleine Gemeinschaft von 9 Mönchen, deren Tagesablauf von Gebetszeiten und Eucharistie nach der Regel des heiligen Benedikt geprägt ist. Über Pfarre, Gottesdienste, Wallfahrten, geistliche Tage und Formate wie „Kloster auf Zeit“ wirkt das Stift als spiritueller Ankerpunkt in der Region und öffnet zugleich Kirche, romanische Fresken, Stiftstheater und Konzerte für Besucherinnen und Besucher. Im Stift untergebracht ist heute noch die Handelsakademie Lambach,  eine katholische Privatschule, deren Schulerhalter der „Schulverein am Benediktinerstift Lambach“ ist.

 

Die Traun wird uns auf unser WL-GEHnuss-Serie noch öfters begleiten
Die Traun wird uns auf unser WL-GEHnuss-Serie noch öfters begleiten

 

Erstes Kapitel eines großen Buches

Vierzehn Kilometer. Das ist unser erstes Stück Wels-Land – und es hat die Messlatte hoch gelegt.

Der Bezirk Wels-Land bildet die geografische Mitte Oberösterreichs – und genau das spüren wir in diesem Winkel zwischen Bad Wimsbach-Neydharting, Stadl-Paura und Lambach ganz besonders. Was diese Ecke von anderen Teilen des Bezirks unterscheidet, ist die ungewöhnliche Dichte an historischen Schichten auf engstem Raum:

 

Nirgendwo sonst im Bezirk treffen ein mittelalterliches Heilmoor, die bedeutendste Salzschifffahrtsstation der gesamten Traun, ein nahezu unbekanntes NS-Munitionsdepot im Wald und eines der ältesten Benediktinerstifte Österreichs so unmittelbar aufeinander. Der übrige Bezirk besticht durch weite Ackerlandschaften, Obstbaugebiete und flachwellige Riedel. Dieser Streifen entlang der Traun hingegen ist eine Zeitkapsel, komprimiert auf wenige Gehstunden.

Es war ein erster GEHnuss. Weitere Ecken des Bezirks Wels-Land warten – und wir kommen wieder...

 

Informationen und Termine zur Wanderserie WL-GEHnuss

 

Text: Marco Vanek, Fotos: Marco Vanek, Angela Dannbauer




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