Floridsdorf:

Zwischen Patina und Penthouse

Ein GEHspräch durch Floridsdorf, bei dem wir Gemeindebau, Likörstube, Sommerfrische und neue Luxuswohnungen nebeneinander entdecken. Eine Zeitreise über 150 Jahre Bau- und Wohnkultur.

 

Floridsdorf, der 21. Wiener Gemeindebezirk, lässt sich am besten zu Fuß verstehen. Auf unserem Rundgang vom Bahnhof Floridsdorf über den Spitz und Schlingermarkt bis zur Oberen Alten Donau erleben wir, wie dicht hier Geschichte, Alltag und Zukunft beisammenliegen. Zwischen Gemeindebauten des Roten Wien, alten Siedlungshäusern mit Vorgärten, einem der letzten verbliebenen Branntweiner und neuen Investorenbauten am Wasser zeigt der Bezirk, wie sehr sich Alltags- und Baukultur verändern kann. Wir haben auch gesehen, wie wichtig die leisen, gewachsenen Orte bleiben, wenn die Stadt entlang der Alten Donau weiterwächst.

 

Früher Rathaus, heute Amtshaus der Bezirksverwaltung Floridsdorf
Früher Rathaus, heute Amtshaus der Bezirksverwaltung Floridsdorf

 

Wir starten unseren Rundgang mit der Local Guide Monika Reif am Bahnhof Floridsdorf – an einem Ort, an dem wir sofort spüren, dass dieser Bezirk Verkehrsdrehscheibe und Wohnviertel zugleich ist.

Zwischen Nachkriegsbauten, Einkaufszentrum und Neubau-Projekten bekommen wir einen ersten Eindruck darüber, wie sich Floridsdorf in den letzten Jahren verändert hat.

 

Vom Bahnhof gehen wir hinüber zum Spitz, wo sich seit dem 18. Jahrhundert die Straßen aus dem Weinviertel kreuzen. Hier entstand auch das städtische Gesicht von Floridsdorf.  Vor uns steht das mächtige Amtshaus des 21. Bezirks, das um 1900 als Rathaus der damals eigenständigen Gemeinde Floridsdorf gebaut wurde. Es ist ein selbstbewusster Bau, der zeigt, wie ernst man die Rolle „jenseits der Donau“ damals nahm. Zu dieser Zeit war auch Floridsdorf im Gespräch die erste niederösterreichische Landeshauptstadt zu werden. Um 1900 wohnten in dieser Gemeinde noch etwa 45.000 Einwohner:innen, heute kratzt der 21. Bezirk an der 200.000er Einwohner:innengrenze.

 

Wir spazieren über die Prager Straße weiter zum Schlingermarkt und tauchen dort in eine ganz andere Baukultur ein: Hier rahmen große Gemeindebauten aus der Zeit des Roten Wien den Markt, mit Innenhöfen, Grünflächen und markanten Fassaden. Zwischen Marktständen und Sozialbau spüren wir, wie sehr kommunaler Wohnbau das Viertel geprägt hat – leistbar, robust und mit dem Anspruch, ein gutes Leben für viele zu ermöglichen.

Der Schlingerhof, Ende der 1920er Jahre errichtet, zählte damals zu den Vorzeigeprojekten des Roten Wien.
Der Schlingerhof, Ende der 1920er Jahre errichtet, zählte damals zu den Vorzeigeprojekten des Roten Wien.

 

Auf Besuch bei einem der letzten Branntweiner Wiens

Zwischen Schlingermarkt, Gemeindebauten und Verkehrslärm versteckt sich ein kleines Lokal, das wie aus der Zeit gefallen wirkt: die Likörstube Sveceny. Seit 1911 wird hier Branntwein ausgeschenkt, fast unverändert und mittlerweile in dritter Generation derselben Familie. Wer eintritt, steht nicht in einer modernen Bar, sondern in einem holzvertäfelten Wohnzimmer, in dem sich hunderte Flaschen, persönliche Beratung und Geschichten aus über hundert Jahren Wiener Alltagsleben dicht aneinanderreihen. Der alte Herr Sveceny steht mit seinen 87 Jahren noch immer regelmäßig hinter der Budel. Er erzählt uns von früheren Zeiten, als schon um 5.30 Uhr die ersten Arbeiter auf einen Kaffee und eine Semmel vorbeikamen. Entweder gingen sie zur Frühschicht oder kamen direkt von der Nachtschicht. Von den Quartalstranklern hält Herr Sveceny nicht viel. „Lieber sind mir jene, die regelmäßig kommen“.

 

Er selbst ist immer schon reisefreudig gewesen und ist in der weiten Welt herumgekommen. Als Beleg seiner Weltgewandheit steht ein Wegweiser vor der Türe, die auf seine Reiseziele hinweist. „Nur nach Wladiwostok bin ich nie hingekommen und werde es auch nicht mehr schaffen“ und schmunzelt dabei.  Mittlerweile haben seine Söhne das Lokal übernommen und die Kernöffnungszeiten auf 9.30 bis 14.00 Uhr reduziert. Dafür gibt es aber an manchen Abenden regelmäßige Lesungen und kleine Konzerte. Diese machen aus dem ehemaligen „Schnapserl-Beisl“ heute eine Mini-Bühne, auf der sich Floridsdorfer Alltagskultur auf wenige Quadratmeter verdichtet…

 

 

Investoren kaufen immer mehr ältere Häuser auf
Wir ziehen weiter Richtung Alte Donau, Straße für Straße wird es leiser, die Häuser werden kleiner.

Schön langsam geht die neue Verbauung über in alte Siedlungshäuser mit Vorgärten, überwachsenen Fassaden und teils etwas schiefen Anbauten. Diese Bauten entstanden in der Zwischen- und Nachkriegszeit oft in Eigenregie. Wenn man sie näher betrachtet sieht man, wie sich die vergangenen Jahrzehnte der Floridsdorfer Alltagsgeschichte dort eingeschrieben haben.  Die alte Bausubstanz steht für ein gewachsenes, improvisiertes Wohnen, das stärker an Familien, Gärten und Sommerfrische erinnert als an Rendite und Vermarktung.

 

Doch die neue Zeit ist auch hier schon angekommen. Je näher wir zur Alten Donau kommen, desto deutlicher wird der Kontrast: Neben den alten Kleinhäusern wachsen mehrgeschoßige Neubauten empor, glatt gedämmt, mit großen Glasfronten, Tiefgaragen und perfekt vermarkteten Balkonen. Das sind die typischen Investorenhäuser: effizient geplant, technisch auf der Höhe der Zeit, mit viel Aussicht auf Wasser – aber oft ohne sichtbare Verbindung zur Geschichte des Ortes.

 

Wir bleiben vor einem von Efeu überzogenen Siedlungshaus stehen und sehen, wie die Kletterpflanzen die Fassade in eine Art zweite Haut verwandeln. Daneben wirkt ein neuer Wohnblock beinahe anonym – funktional, sauber, aber austauschbar. Daneben steht noch das alte Haus mit seinen Proportionen, seiner Patina und seinen Spuren von Umbauten, das eine ganz eigene Persönlichkeit ausstrahlt.

 

Gasthaus Birner - Altwiener Wirtshaus mit bodenständiger Küche
Gasthaus Birner - Altwiener Wirtshaus mit bodenständiger Küche

 

Es gibt sie noch: Die traditionellen Wiener Gasthäuser

 Wir machen Halt im traditionsreichen Strandgasthaus Birner, das seit 1839 Gäste an der Oberen Alten Donau bewirtet. Einige von uns setzen sich in den schattigen Gastgarten, andere in den Speisesaal. Später schlendern wir bis zur Uferkante und lassen den Blick über das Wasser und die vorbeiziehenden Boote wandern. In dieser Mischung aus Alt-Wiener Wirtshausflair, Donaugeruch und frühlingshafter Hochstimmung verstehen wir, weshalb hier schon vor über hundert Jahren Sommerfrischler:innen, Arbeiterfamilien und später Badegäste ihre Freizeit verbracht haben – und warum dieser Ort bis heute zu den fixen Adressen an der Alten Donau gehört.

 

Alte Donau als Freizeitareal:
Nach der Einkehrpause spazieren wir Richtung neuen André‑Heller‑Park, wo seit 2025 eine Kunst‑ und Naturoase an der Oberen Alten Donau entsteht. Zwischen Skulpturen, Wiesen und Bäumen erleben wir, wie zeitgenössische Landschaftsgestaltung versucht, den Zugang zum Wasser wieder stärker zu öffnen – als Gegengewicht zu privatisierten Ufergrundstücken und geschlossenen Wohnanlagen.

 

Am Kaiserwasser, unserem Ziel an der Bezirksgrenze zu Donaustadt, sehen wir die Spannbreite der Baukultur an der Donau noch einmal auf einen Blick: luxuriöse Wohnhäuser und Freizeitclubs auf der einen Seite, öffentliche Wege, Bäume und freie Blicke auf der anderen.

  

Auf unserem Rundgang haben wir innerhalb weniger Stunden erfahren, welche rasante Entwicklung Floridsdorf in den letzten 150 Jahren nahm und wie es zwischen alten Siedlungshäusern und neuen Investorenprojekten um seine Identität ringt. Wir sahen auch, wie wichtig es ist, dass auch die leisen und gewachsenen öffentlichen Orte ihren Platz am Wasser behalten müssen und nicht von privaten Interessen verdrängt werden dürfen.  

 

Text und Fotos: Marco Vanek

 




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