Streifzüge Jenseits der Metropolen
Ganz im Süden Ungarns erleben wir, wie sich Pécs als Kulturstadt, der Weinbau und das Alltagsleben der Minderheiten zu einem leisen, vielsprachigen Kulturraum verbinden.

Wir erleben die ungarisch Baranya als eine Region, in der Grenzen durchlässiger werden: Zwischen Pécs und den sanften Hügeln Richtung Siklós und Villánykövesd gehen Stadt, Weinlandschaft und Dörfer der ungarndeutschen Minderheit ineinander über. Was auf der Karte nach Provinz aussieht, entpuppt sich vor Ort als feines Geflecht aus Kulturgeschichte, Alltagsleben und stiller Lebenslust. Wenn wir vom mediterran wirkenden Stadtklima Pécs' hinauf zu den Aussichtspunkten im Mecsek gehen und später durch Dorfstraßen an der Grenze zu Kroatien spazieren, wird erkennbar, wie eng Natur, Weinbau und die vielsprachige Geschichte dieser Grenzregion miteinander verflochten sind.
Kulturhauptstadt Pécs
Die fünftgrößte Stadt Ungarns präsentiert sich dabei als kulturelles Zentrum Südungarns: Pécs verbindet römische Fundorte und frühchristliche Grabkammern mit osmanischen Bauwerken, Habsburger‑Architektur und einer lebendigen Universitäts‑ und Kulturszene. Am Fuß des Mecsek‑Gebirges markiert ein Ensemble von Bauhaus‑Architektur eine eigene, klar erkennbare Schicht der Stadtentwicklung. Funktionalistische Wohnhäuser und Villen von Architekten wie Alfréd Forbát und Farkas Molnár zeigen, wie Impulse der Moderne in Pécs aufgegriffen und in das gewachsene Stadtbild integriert wurden. Diese moderne, sachliche Architektursprache fügt der Stadt einen weiteren Zeithorizont hinzu und macht deutlich, dass Pécs nicht nur Erinnerungsort vergangener Epochen, sondern auch Labor einer architektonischen Moderne war. Zwischen diesen Erzählebenen – von der Antike über die Osmanenzeit bis zur Bauhaus‑Moderne – verläuft auch unser Weg hinaus in die Weinorte und Dörfer, in denen Weinbau, Minderheitenkultur und ländlicher Alltag das Bild der Baranya prägen.
Zwischen Kathedrale, Kaffeehaus und Moderne
Wenn wir morgens durch Pécs gehen, spüren wir schnell, warum die frühere Europäische Kulturhauptstadt sich nach wie vor als Kulturstadt Ungarns versteht: Die Wege zwischen Dom, Moschee‑Kirche am Hauptplatz, Zsolnay‑Viertel und kleinen Galerien sind kurz, die Eindrücke dicht. Zwischen römischen Ausgrabungen und frühchristlicher Nekropole auf der einen und osmanischen Spuren auf der anderen Seite wandeln wir gewissermaßen durch europäische Geschichte. Wenig später können wir bereits im Straßencafé neben Studierenden, Künstlerinnen und Pensionist:innen sitzen. Wer vom Zentrum hinauf in die Wohnviertel am Mecsek geht, erlebt zusätzlich die klaren Linien und Flachdächer der Bauhaus‑Architektur und sieht, wie selbstverständlich sich diese Moderne an die älteren Schichten der Stadt anschließt.
Abends wirkt Pécs fast südländisch: Plätze füllen sich, aus Innenhöfen dringt Musik, und in den Lokalen werden regionale Weine aus den umliegenden Anbaugebieten sowie lokales Bier ausgeschenkt. Wir merken, wie sehr die Stadt vom Austausch lebt – zwischen Universität und Provinz, zwischen ungarischer Mehrheitsgesellschaft und Minderheitenkulturen, zu denen auch die Ungarndeutschen gehören. Noch leben im Süden Ungarns viele deutschsprachige Menschen, deren Präsenz sich weniger in großen Gesten als im Alltag bemerkbar macht.
Richtung Siklós: Burgblicke und Alltag
Verlassen wir Pécs in Richtung Süden, verändert sich die Szenerie rasch: Die Häuserzeilen werden niedriger, die Hügel öffnen sich, und schon bald zeichnet sich die Silhouette der Burg von Siklós über den Weinbergen ab. In der gut erhaltenen mittelalterlichen Burganlage treffen wir auf Ausstellungen, Mauern und Kapellen, die von ungarischen, osmanischen und habsburgischen Epochen erzählen. Zugleich spüren wir etwas vom ruhigen Alltag der Kleinstadt. In der Einkaufsstraße sind keine internationalen Handelsketten präsent, sondern nur kleine inhaberbetriebene Shops, Bäckereien und Dienstleistungsbetriebe.
Wir fahren mit dem Regionalbus weiter durch das südungarische Weinbaugebiet. In Villánykövesd bekommt der Wein für uns ein Gesicht: Bei Familie Blum sitzen wir in einem schlichten, frisch gekalkten Kellergewölbe, während nacheinander Weiß‑, Rosé‑ und kräftige Rotweine ins Glas kommen. Zwischen Regalen mit Barriquefässern und alten Arbeitsgeräten erzählt uns Frau Blum von steilen Jahren nach der Wende, von Investitionen in neue Kellertechnik und davon, wie wichtig es ist, gleichzeitig an traditionellen Rebsorten und regionaltypischem Stil festzuhalten. Die Atmosphäre ist konzentriert, aber unprätentiös – wir probieren, vergleichen, stellen Fragen, und die kurze Verkostung wird schnell zu einem Gespräch über Arbeit, Wetter und die kleine und große Weinwelt.
Wenig später treffen wir im Ort den Bürgermeister András Roth, der zwischen Verwaltungsaufgaben, Vereinsarbeit und der Koordination mit der ungarndeutschen Selbstverwaltung pendelt. Er erzählt uns, dass die Abwanderung ein großes Problem in seinem Dorf ist: Nur mehr etwa 200 Menschen leben hier, im Nachbardorf nur mehr rund 80 Einwohner:innen. Für uns macht dieses Gespräch deutlich, dass Villánykövesd mehr ist als ein „typisches“ Weinbaudorf. Es ist ein Beispiel dafür, wie eine ländliche Gemeinde versucht, historische Prägungen, qualitätsorientierten Weinbau und eine behutsame Öffnung für Besucherinnen und Besucher miteinander in Einklang zu bringen.
Dörfer und ungarndeutsche Spuren
Wir spazieren durch das Dorf Kisjakabfalva, auf Deutsch Jakobsdorf, wo früher mehrheitlich Ungarndeutsche gelebt haben. Diese zweisprachige Geschichte ist vor allem noch am örtlichen Friedhof präsent, an den Türschildern und am Gemeindehaus. Vieles wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – gerade darin liegt aber der Reiz: Die deutsche Minderheit zeigt sich weniger in Folklore‑Shows als in Alltagsritualen, im Vereinsleben, bei Gottesdiensten, Festen und in der Art, wie Häuser gepflegt und Obstgärten bewirtschaftet werden.
Ein stiller, vielschichtiger Kulturraum.
Am Ende unserer Tage in der Region haben wir das Gefühl, einen „leisen“ Kulturraum kennengelernt zu haben, der sich nicht aufdrängt und gerade dadurch lange nachwirkt. Pécs bietet uns urbane Dichte, Museen, Bauhaus‑Architektur und eine weltoffene Atmosphäre, während wenige Zug‑ oder Busminuten entfernt Weinberge, Kleinstädte und Dörfer liegen, in denen sich die Geschichte von Ungarn, den Ungarndeutschen, den Serben, Kroaten und weiteren Minderheiten über Jahrhunderte verschränkt hat. Wer hier unterwegs ist, nimmt vor allem eines mit: das Gefühl, dass europäische Vielfalt nicht nur in Metropolen stattfindet, sondern auch in Regionen wie der Baranya – zwischen Kathedralplatz, Burgfelsen und Weinberg.

















