Lausitz:

Zwischen Planstadt und Altstadtglanz

Eine Reise von Eisenhüttenstadt nach Görlitz - Annäherungen an einen Raum im Wandel

Der Wohnkomplex I in Eisenhüttenstadt: Von hier aus begann die Planstadt ab den 1950er Jahren zu wachsen.
Der Wohnkomplex I in Eisenhüttenstadt: Von hier aus begann die Planstadt ab den 1950er Jahren zu wachsen.

Am Abend eines Feiertags kommen wir mit dem Zug in Eisenhüttenstadt an. Der Bahnhof ist fast leer, kein Taxi wartet, kein öffentlicher Bus fährt mehr. Also gehen wir zu Fuß los, die breite Hauptstraße hinunter, etwa eine halbe Stunde bis zum Hotel. Der Weg führt durch eine Stadtform, die zugleich großzügig und merkwürdig still ist. An den ersten höheren Wohnblöcken, entlang der sorgfältig gepflegten Grünstreifen, begegnen wir kaum jemandem. Schon dieser erste Gang gibt uns einen Eindruck von der Weite und der Leere der Planstadt. Im Restaurant des Hotels sitzen wir später fast allein. Es ist ein ruhiger Abend, an dem wir spüren, wie viel Raum hier für mehr Menschen vorgesehen war, als heute noch da sind.

 

Auf der Fahrt in die Lausitz merken wir bereits, dass die wir uns in einer Landschaft im Übergang befinden. Industrielle Vergangenheit, sozialistische Moderne, historische Stadtbilder und neue Zukunftsentwürfe liegen hier dicht beieinander. Unsere Reise beginnt an einem Ort, in der die DDR bis heute im Raum spürbar ist, und endete in Görlitz, wo sich Geschichte in einer ganz anderen Form erhalten hat. Dazwischen entfaltet sich eine Region, die sich nur dann erschließt, wenn wir ihre Brüche und Kontraste bewusst mitdenken. Vielleicht bleibt gerade deshalb von dieser Reise vor allem die Einsicht, dass Räume nicht nur Kulissen sind, sondern Speicher von Geschichte, Lebensgefühl und gesellschaftlichem Wandel.

 

Inmitten einer Transformationslandschaft

Schon der Auftakt setzt das Thema der Reise klar: Wir starten nicht in einer gefälligen Bilderbuchstadt, sondern in einem Ort, an dem sich die Widersprüche der Region besonders deutlich ablesen lassen. Eisenhüttenstadt ist als sozialistische Planstadt entstanden und steht bis heute wie kaum ein anderer Ort für den Versuch, Gesellschaft politisch, wirtschaftlich und räumlich neu zu ordnen. Danach fahren wir weiter quer durch die Lausitz nach Görlitz, wo wir fünf Nächte bleiben. Dort endet die Reise in einer ganz anderen städtischen Welt: in einer dichten, historisch gewachsenen Stadt an der Neiße, die ihre Vergangenheit sichtbar trägt und zugleich europäische Gegenwart ist.

Gerade diese Abfolge macht die Reise so aufschlussreich. Wir beginnen mit der Utopie der Nachkriegszeit und enden in einer Stadt, deren Geschichte in viel längeren Linien verläuft. Dazwischen liegt die Lausitz als Kultur-, Lebens- und Transformationsraum, verteilt über Brandenburg, Sachsen und den polnischen Grenzraum.

 

Wer diese Region bereist, begegnet nicht einer einheitlichen Landschaft, sondern einem Geflecht aus Industriegeschichte, Braunkohle und Strukturwandel, sorbischer Kultur, rekultivierten Räumen, historischen Städten und neuen Zukunftsfragen. Genau deshalb eignet sich die Lausitz so gut für eine Reise, die mehr sein will als bloße Besichtigung: Sie ist ein Raum, in dem sich politische und gesellschaftliche Entwicklungen unmittelbar im Stadtbild, in der Landschaft und in den Erzählungen der Menschen spiegeln. 

 

Eisenhüttenstadt als gebaute Idee

Eisenhüttenstadt ist für diesen Auftakt ein besonders aufschlussreicher Ort. Die Stadt wurde nicht langsam über Jahrhunderte entwickelt, sondern ab 1950 als Stalinstadt am Reißbrett entworfen, eng verbunden mit dem Eisenhüttenkombinat Ost am Rande der Planstadt. Sie sollte zeigen, wie eine sozialistische Gesellschaft wohnen, arbeiten und leben sollte. Dieser Anspruch ist bis heute sichtbar. Wenn wir durch die Wohnkomplexe gehen, sehen wir Arkaden, Schmuckfassaden, breite Straßenräume und Grünzüge, die nicht nur gebaut, sondern auch gedacht wurden. Eisenhüttenstadt ist eine Stadtidee in gebauter Form.

 

Gepflegte Ordnung und große Leere

Gleichzeitig wird schon nach wenigen Stunden klar, dass diese Idee ihre soziale Grundlage weitgehend verloren hat. Uns fällt die große Ruhe auf. Die Häuser sind sehr gepflegt, die Grünanlagen ordentlich, Wege und Plätze wirken instand gehalten, und man merkt, wie viel Energie darauf verwendet wird, das Flächendenkmal der Planstadt zu bewahren. Doch gerade diese Sorgfalt steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Atmosphäre der Stadt. Die Straßen bleiben oft leer, im Zentrum stehen etliche Geschäftslokale leer, und obwohl das zentrumsnahe Einkaufszentrum die Grundversorgung gut sichert, entsteht kaum der Eindruck städtischer Verdichtung. Wir begegnen nur wenigen Menschen, meist älteren Bewohnerinnen und Bewohnern, viele mit Rollatoren unterwegs. Die Busse fahren regelmäßig, der öffentliche Verkehr funktioniert, aber die Stadt wirkt dennoch still und gedämpft.

 

Die Stadt und die Wohnkomplexe sind fußläufig gut erschlossen.
Die Stadt und die Wohnkomplexe sind fußläufig gut erschlossen.

 

Viele der Einwohnerinnen und Einwohner, mit denen wir sprechen, sagen in unterschiedlichen Varianten, dass „nichts mehr los“ sei. In diesen Bemerkungen steckt mehr als bloße Unzufriedenheit. Sie verweisen auf die Erfahrung einer Stadt, die für viel mehr Menschen gebaut wurde, als heute noch dort leben. Eisenhüttenstadt hatte zu DDR-Zeiten über 50.000 Einwohner:innen, heute ist es nur noch etwa die Hälfte. Diese Schrumpfung spürt man unmittelbar. Abrissflächen, Brachen und Lücken zwischen den Wohnblöcken zeigen, dass die Stadt an vielen Stellen zurückgebaut wurde. Die große Form ist noch vorhanden, aber sie wird nur noch teilweise gefüllt. Genau diese Diskrepanz macht Eisenhüttenstadt so eindrücklich: Die Stadt wirkt gleichzeitig stabil und fragil, gepflegt und leer, geordnet und ausgedünnt.

 

Auch unser Eindruck, in Eisenhüttenstadt beinahe die einzigen Urlaubsgäste zu sein, wird durch die verfügbaren Zahlen gestützt. In der amtlichen Beherbergungsstatistik werden für die Stadt zuletzt nur rund 1.300 bis 1.400 Gästeankünfte und knapp 3.700 bis 3.900 Übernachtungen pro Jahr ausgewiesen – wohlgemerkt nur für Betriebe mit mindestens zehn Betten. Für eine Stadt dieser Größe ist das sehr wenig. Gleichzeitig bietet die Tourismusinformation gezielt Führungen für Busgruppen an und bewirbt individuelle Gruppenbesuche durch das Flächendenkmal. Vieles spricht also dafür, dass Eisenhüttenstadt zwar durchaus besucht wird, aber häufig nur für einige Stunden: als Ziel von Tagesausflügen, Architekturinteresse und organisierten Stadtrundfahrten. Gerade darin liegt eine eigentümliche touristische Spannung: Die Stadt ist sichtbar Gegenstand von Neugier, aber nur selten Ort eines längeren Aufenthalts.

Die Tratschweiber in einem Innenhof eines Wohnkomplexes
Die Tratschweiber in einem Innenhof eines Wohnkomplexes

 

Die große Sanierungsoffensive

Eisenhüttenstadt ist allerdings nicht einfach sich selbst überlassen worden. Seit den frühen 1990er Jahren sind erhebliche Summen in die Erneuerung, Sanierung und den Rückbau der Stadt geflossen. Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben mehr als 260 Millionen Euro in Stadtentwicklung, Wohnraumsanierung, Modernisierung und Stadterneuerung investiert. 

 

Diese Investitionen erklären, warum Eisenhüttenstadt heute trotz aller Schrumpfung so gepflegt wirkt. Es wurde nicht nur abgerissen, sondern auch umfassend saniert, modernisiert und gesichert. Mehrere tausend Wohnungen wurden instand gesetzt oder teilsaniert, während zugleich große Teile des überdimensionierten Wohnungsbestands zurückgebaut und abgerissen wurden. So entstand jene eigentümliche Mischung, die wir bei unseren Rundgängen immer wieder spüren: eine Stadt, die aufgeräumt und erhalten wirkt, obwohl sie deutlich kleiner geworden ist. 

Der zentrale Platz hieß früher Leninallee, heute Lindenallee und war die Einkaufsstraße von Eisenhüttenstadt. Heute sind dort nur mehr wenige Geschäfte offen.
Der zentrale Platz hieß früher Leninallee, heute Lindenallee und war die Einkaufsstraße von Eisenhüttenstadt. Heute sind dort nur mehr wenige Geschäfte offen.
Die ideale sozialistische Familie. Wandmalerei auf einem Wohngebäude
Die ideale sozialistische Familie. Wandmalerei auf einem Wohngebäude

Was von der DDR im Alltag übrig bleibt

Damit berührt Eisenhüttenstadt eines unserer zentralen Reisethemen: Wie leben Räume weiter, wenn die Gesellschaft, für die sie geschaffen wurden, so nicht mehr existiert? In der Lausitz stellt sich diese Frage an vielen Orten, aber hier besonders deutlich. Die Planstadt erzählt von der DDR nicht nur als politischem System, sondern als gebautem Alltag. Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Freizeit, selbst die symbolische Ordnung der Stadt waren Teil eines großen gesellschaftlichen Entwurfs. Heute ist dieser Entwurf historisch geworden, aber seine räumlichen Folgen sind weiter präsent.

 

Das zeigt sich auch in den Gesprächen mit älteren Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele sprechen auffallend positiv über die DDR-Zeit. Sie erinnern sich an sichere Arbeit, an die Kinderbetreuung für alle ab dem ersten Lebensjahr oder auch schon früher, an ein klares soziales Gefüge, an Gemeinschaft und Verlässlichkeit. Diese Erinnerungen sind wichtig und glaubwürdig als persönliche Erfahrung. Gleichzeitig stehen sie im Widerspruch zur politischen Realität des DDR-Staates, in dem Menschen, die nicht auf Linie waren, in ihrer Bildungs- und Berufslaufbahn eingeschränkt, überwacht oder benachteiligt wurden. Gerade diese Spannung zwischen subjektiv empfundener Stabilität und objektiver Repression gehört zu den prägenden Erfahrungen, die in Ostdeutschland bis heute nachwirken. In Eisenhüttenstadt hören wir sie in einer besonders zugespitzten Form.

Der evangelischen Kirche war kein Glockenturm erlaubt. Deshalb steht das Geläut am Boden vor der Kirche.
Der evangelischen Kirche war kein Glockenturm erlaubt. Deshalb steht das Geläut am Boden vor der Kirche.

Kirche am Rand, Glaube im Schatten der Utopie

Auch die versteckt liegende Kirche am Stadtrand wird für uns zu einem sprechenden Detail. Sie liegt abseits, hat keinen dominierenden Glockenturm, die Glocken stehen am Boden. In einer Stadt, die als sozialistische Zukunftsstadt geplant wurde, hatte Religion keinen zentralen Platz. Dass die Kirche trotzdem existiert, zeigt, dass kirchliches Leben geduldet wurde – aber eben am Rand, räumlich und symbolisch zurückgenommen. Auch darin drückt sich die Logik der Planstadt aus: Selbst Spiritualität durfte vorhanden sein, sollte aber die große weltliche Erzählung nicht stören.

 

Gerade in Eisenhüttenstadt wird sichtbar, wie bewusst diese Zurückdrängung organisiert war. In der frühen Phase der Stalinstadt waren kirchliche Einrichtungen ausdrücklich nicht vorgesehen, ja sie widersprachen dem ideologischen Anspruch, hier den „neuen sozialistischen Menschen“ hervorzubringen. Statt Kirchtürmen sollte es Türme des Rathauses und des Kulturhauses geben, nicht aber religiöse Zeichen im Zentrum der neuen Stadt. Christlicher Glaube passte in dieser Logik bestenfalls in den privaten oder halbprivaten Bereich, nicht aber in das repräsentative Bild einer sozialistischen Musterstadt. Dass die Gemeinden zunächst nur provisorische Räume nutzen konnten und erst sehr spät ein eigenes Gemeindezentrum erhielten, sagt viel über diesen politischen Rahmen.

 

 

Fürstenberg, der historische Stadtteil von Eisenhüttenstadt entstand bereits vor mehr als 800 Jahren.
Fürstenberg, der historische Stadtteil von Eisenhüttenstadt entstand bereits vor mehr als 800 Jahren.

 

Fürstenberg und die ältere Geschichte des Ortes

Als spannenden Kontrast erleben wir Fürstenberg, den älteren Ortsteil, der vor der Gründung von Stalinstadt eigenständig war. Fürstenberg verweist auf eine viel ältere Geschichte der Region, geprägt von Oderschifffahrt, Handel und Flussbezug. Hier wird spürbar, dass Eisenhüttenstadt nicht nur aus der DDR heraus verstanden werden kann. Unter der großen sozialistischen Form liegt ein älterer Raum mit eigener Geschichte, eigenem Maßstab und anderen wirtschaftlichen Wurzeln. Gerade dieser historische Untergrund macht den Ort komplexer, als er auf den ersten Blick erscheint.

 

 

Das italienische Café am Hauptplatz ist immer gut besucht.
Das italienische Café am Hauptplatz ist immer gut besucht.

Inseln von Leben in einer stillen Stadt

Trotz aller Stille erleben wir Eisenhüttenstadt nicht nur als Stadt des Verlusts. Am Tag unserer Abreise beginnt vor dem Friedrich-Wolf-Theater ein mehrtägiges Fest mit Ständen und Programm. Solche Momente verändern das Bild der Stadt sofort. Plötzlich ist Bewegung da, Begegnung, Öffentlichkeit, Verdichtung. Auch andere kulturelle Aktivitäten zeigen, dass die Stadt nach neuen Ausdrucksformen sucht: Theater, Feste, Baukulturinitiativen, künstlerische Projekte in und um die Planstadt. Das Leben ist hier nicht verschwunden, aber es verteilt sich anders. Es konzentriert sich auf einzelne Anlässe und Orte, statt selbstverständlich im gesamten Stadtraum präsent zu sein.

 

Durch die Lausitz nach Osten

Mit diesem Eindruck fahren wir weiter durch die Lausitz. Die Region zeigt sich dabei nicht als homogene Landschaft, sondern als vielschichtiger Raum, in dem sich Natur, Geschichte und Strukturwandel eng verschränken. Tagebaue, rekultivierte Flächen, neue Seen, Wälder, Dörfer, mittelgroße Städte, industrielle Reste und kulturelle Eigenheiten ergeben ein Mosaik, das sich nicht auf eine einfache Formel bringen lässt. Die Lausitz ist kein bloßer Nachzügler der deutschen Entwicklung, sondern ein Raum mit eigener historischer Tiefenschärfe. Gerade die Gleichzeitigkeit von Verlust, Umbau und neuer landschaftlicher Schönheit macht sie als Reiseziel so interessant.

Görlitz als Gegenbild

Wenn wir schließlich nach Görlitz kommen, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Görlitz wirkt auf den ersten Blick wie das Gegenbild zu Eisenhüttenstadt. Dort die Planstadt, hier die gewachsene Stadt. Dort Weite, Leere und aufgelockerte Großform, hier Dichte, Fassadenreichtum und urbanes Gefüge. Görlitz empfängt uns mit einer Altstadt, die von Jahrhunderten städtischer Entwicklung erzählt: mit Bürgerhäusern, Kirchen, Plätzen, Höfen, barocken und gründerzeitlichen Straßenzügen. Die Stadt ist schön, fast zu schön, und gerade darin liegt ihre besondere Wirkung.

Doch Görlitz ist nicht nur Kulisse. Auch hier geht es um Wandel, um Abwanderung, um Alterung, um die Frage, wie ein historischer Stadtkörper in der Gegenwart getragen werden kann. Anders als Eisenhüttenstadt verfügt Görlitz jedoch über andere Ressourcen. Die Stadt kann ihre historische Substanz touristisch, kulturell und symbolisch nutzen. Sie lebt von ihrem baulichen Erbe, von ihrer Rolle als Filmstadt, von ihrer Lage an der Grenze zu Polen und vom Austausch mit Zgorzelec. Während Eisenhüttenstadt seine Zukunft gegen den Eindruck der Schrumpfung behaupten muss, kann Görlitz stärker auf die Kraft seiner überlieferten Stadtgestalt setzen.

Görlitz wurde im 2. Weltkrieg nie bombadiert. Deshalb ist die Altstadt aus fünf Jahrhunderten Baukultur fast unbeschadet geblieben.
Görlitz wurde im 2. Weltkrieg nie bombadiert. Deshalb ist die Altstadt aus fünf Jahrhunderten Baukultur fast unbeschadet geblieben.

 

Zwei Städte, ein Reisethema

Gerade der direkte Vergleich macht beide Orte so aufschlussreich. Beide Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen: demografischer Wandel, wirtschaftliche Neuorientierung, die Suche nach neuen Erzählungen. Aber sie beantworten diese Herausforderungen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Eisenhüttenstadt versucht, eine gebaute Utopie zu bewahren, ohne ihren Verlust zu verleugnen. Görlitz setzt auf historische Kontinuität und europäische Verflechtung. Die eine Stadt wirkt wie ein Labor des Rückbaus und der Neuaneignung, die andere wie ein verdichteter Speicher urbaner Geschichte.

 

Was von der Reise bleibt

Für uns ist gerade diese Gegenüberstellung der eigentliche Gewinn der Reise. In Eisenhüttenstadt erfahren wir, wie stark politische Systeme in Räume eingeschrieben sein können und wie lange ihre Nachwirkungen bleiben. In Görlitz erleben wir, wie historische Schönheit und kulturelle Tiefe eine Stadt tragen können, ohne ihre Probleme verschwinden zu lassen. Zusammen erzählen beide Städte von der Lausitz als einer Region, in der sich deutsche und osteuropäische Geschichte, industrielle Moderne, sozialistische Vergangenheit, Grenzerfahrung und neue Zukunftsfragen auf engem Raum überlagern.

 

So bleibt von dieser Reise vor allem ein doppeltes Bild zurück. Eisenhüttenstadt zeigt uns die Leere nach der Utopie, Görlitz die Dichte des historischen Erbes. Die eine Stadt wirkt still, weit und fragmentiert, die andere verdichtet, sichtbar und selbstbewusst. Und doch gehören beide zusammen. Denn erst in ihrer Gegenüberstellung wird deutlich, was die Lausitz als Kultur- und Lebensraum ausmacht: ihre Widersprüche, ihre Brüche, ihre unterschiedlichen Zeitschichten – und die Erfahrung, dass Räume nicht nur Kulissen sind, sondern Speicher von Geschichte, Lebensgefühl und gesellschaftlichem Wandel.

 

Impressionen aus Görlitz und der Lausitz / alle Fotos auf der Seite: von Marco Vanek, Barbara Vanek, Karl Gusenleitner




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