Was übrig bleibt, wenn alle gegangen sind
Eine Reise durch den tiefsten Süden Italiens von Matera über Aliano nach Rotondella am Ionischen Meer.

In Rotondella, einem Hügeldorf über dem Ionischen Meer, war es nachts still – so still, dass man früh aufwacht, ohne zu wissen warum. In Matera, wo wir in der Casa Santa Anna am Burghügel übernachtet haben, war das nicht so. Zwei Orte, zehn Tage, eine Reise durch eine Region, die gleichzeitig UNESCO-Welterbe und strukturelles Schlusslicht des italienischen Südens ist.
Was die Basilicata zusammenhält, ist keine touristische Erzählung, sondern eine offene Rechnung: Abwanderung, Klimadruck, eine Landwirtschaft unter mehrfachem Stress und eine lokale Politik, die noch keine überzeugenden Antworten hat.
Die Basilicata liegt dort, wo Italien aufhört, fotogen zu sein. Keine Amalfiküste, kein Cinque Terre. Stattdessen: erodierende Tonhügel, die bei Regen in die Täler rutschen, Karstlandschaften, die im Sonnenlicht weiß leuchten, Dörfer, die an den Berghängen kleben, als hätten sie Angst vor dem Boden darunter. Das ist keine Armutsbeschreibung – es ist eine Landschaft, die ehrlich ist. Der Mezzogiorno hat Jahrzehnte als Problemzone der Italienpolitik hergehalten, als Synonym für Rückständigkeit und Staatsmüdigkeit. Was man dabei übersieht: Er ist auch ein Laboratorium des Überlebens. Hier ist nie leichtfertig gelebt worden.
Wir sind durch diese Landschaft gefahren, aber vor allem gegangen. Zu Fuß versteht man, warum Carlo Levi schrieb, was er schrieb. Der Arzt und Maler, der 1935 von den Faschisten in diesen Landstrich verbannt wurde und in Aliano lebte, hat in „Christus kam nur bis Eboli" einen Satz aufgezeichnet, den ihm die Bauern selbst sagten: Christus ist nicht hierhergekommen. Und auch nicht die Zeit, nicht der Staat, nicht die Moral der Geschichte. Was damit gemeint war – keine Klage, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme einer Welt, die sich selbst überlassen geblieben war. Das spürt man noch heute in manchen Gesichtern, in manchen Straßenecken, in der Art, wie manche Dörfer schweigen.

Im Parco della Murgia Materana, jenseits der Sassi, haben wir die andere Seite dieser Stille gefunden. Die Gravine – tiefe Karstschluchten, in die Jahrtausende von Regenläufen ihre Linien geritzt haben – öffnen sich unvermutet unter den Füßen. An den Wänden: Höhlenkirchen aus byzantinischer Zeit, kaum restauriert, kaum beschildert, kaum besucht. In einer dieser Kirchen standen wir vor Fresken, die Schicht um Schicht übereinander gemalt worden waren, jede Epoche über die letzte gelegt, bis das Gesicht Christi durch vier Jahrhunderte hindurchscheint wie etwas, das man vergessen wollte und das trotzdem sichtbar bleibt. Derselbe Park war wenige Tage nach unserer Weiterreise Gegenstand eines regionalen Tourismusforums in Matera, bei dem Vertreter des Ente Parco darauf bestanden, dass Naturschutz und Besucherlenkung keine Gegensätze sein müssen. Es braucht aber dafür eine langfristige Strategie und keine Saison-für-Saison-Improvisation. Das ist ein Satz, den man in dieser Gegend in vielen Varianten hört.

Matera: Der schwierige Ruhm
Matera war 1950 noch eine Schande. Alcide De Gasperi nannte die Sassi „die nationale Schande Italiens". Die Zwangsumsiedlung folgte. Heute ist dasselbe Matera UNESCO-Welterbe, war 2019 Europäische Kulturhauptstadt. 2026 ist Matera Capitale Mediterranea della Cultura e del Dialogo, ein etwas leiser klingender Titel, der aber zeigt, dass die Stadt die internationale Vernetzung weiter vorantreibt. Die Fondazione Matera-Basilicata 2019 arbeitet daran, Residenzprogramme und Kooperationen mit Kulturhauptstädten Nordafrikas und der arabischen Welt aufzubauen – Matera als mediterraner Knotenpunkt, nicht als museales Schmuckstück. An einem unserer Abende besuchten wir eine Freiluftveranstaltung mit italienischen und nordafrikanischen Künstler:innen.
Die Geschichte dieser Umwertung ist schnell erzählt. Aber was sie bedeutet, wer sie trägt und wer dabei auf der Strecke bleibt, das ist eine andere Sache. Laut dem aktuellen Wirtschaftsbericht der Banca d'Italia schrumpfte die lukanische Wirtschaft 2025 um 0,2 Prozent – als einzige Region des Mezzogiorno in der Minuszone, während der Süden insgesamt ein Plus von 0,7 Prozent verzeichnete. Matera selbst zieht 44 Prozent aller Tourismusankünfte der Region auf sich. Die Kehrseite: Das Umland, die „aree interne", bleibt strukturell abgehängt. Im Stadtrat wurde im Mai diskutiert, ob die Kurtaxe für Konzerte und Weihnachtsbeleuchtung ausgegeben oder in nachhaltigere Infrastruktur investiert werden soll. Ein Stadtrat brachte es trocken auf den Punkt: „Die Einnahmen aus dem Tourismus müssten sich in Dienstleistungen und Entwicklung verwandeln, nicht in Einzelmaßnahmen, die in den Sitzungszimmern der Stadtregierung entschieden werden.“
In den Sassi haben wir Margherita Serra kennengelernt, eine Bildhauerin aus Brescia, seit 1993 hier ansässig. Das allein ist schon eine Geschichte: Jemand kommt aus dem Norden und bleibt, während die Einheimischen gehen. In ihrem Atelier, in einen ehemaligen Höhlenraum hineingebaut, zeigt sie uns ihre Corsetti – abstrahierte Korsetts aus Marmor, Glas und Metall, skulpturale Formen, die von Zwang und Hülle handeln, von dem, was Körper trägt und was ihn einengt. Der Kulturkritiker Gillo Dorfles hat über ihre Arbeit geschrieben. Uns aber beschäftigt etwas anderes: die Ruhe, mit der sie hier lebt. Keine Nostalgie, keine Folklore. Eine Arbeit, die mit dem Ort spricht, ohne ihn zu illustrieren.
Die Sassi selbst sind heute zu einem guten Teil vermietet, renoviert, touristisch bespielt. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Laut einer Analyse hat Matera inzwischen die höchste Airbnb-Dichte pro Einwohner in ganz Italien – ein Wert, der gleichzeitig den Erfolg und das Dilemma dieser Entwicklung beschreibt. Wer den Touristenströmen auf der Hauptgasse nach oben ausweicht, wer in die Seitengassen geht, wer stehen bleibt, findet noch Winkel, in denen die Zeit nicht performt wird, vor allem im westlichen Teil der früheren „Armen-Sassi“, die heute noch nicht renoviert sind. Sie bieten uns ein authentischeres Bild dieser Wohnform und nicht die renovierten und kanalisierten Luxusappartements.

Aliano: was von Levi bleibt
Aliano hat heute 838 Einwohner:innen. 1951, als Carlo Levi längst wieder in Turin und Paris lebte, waren es noch 2.288. Das ist kein lokales Kuriosum, sondern die komprimierteste Darstellung dessen, was die lukanische Demografie in acht Jahrzehnten erlebt hat. Wir sind an einem Vormittag in das Dorf gefahren, das Levi in seinem Buch „Gagliano" nannte – nach der Aussprache der Einheimischen, die den Ortsnamen so schluckten, als wollten sie ihn in der Kehle behalten. Auf der Piazza saßen ältere Männer vor dem Café, nicht viele, aber präsent genug, um das Bild zu bestimmen: ein Dorf, das nicht aufgehört hat zu existieren, aber aufgehört hat zu wachsen.
Carlo Levi kam im Sommer 1935 hierher, deportiert vom faschistischen Regime wegen antifaschistischer Aktivitäten. Arzt, Maler, Schriftsteller – ein Turiner Intellektueller in einer Welt, die er in seiner gleichnamigen Sprache kaum verstand. Was er vorfand, hat er zehn Jahre später in „Christus kam nur bis Eboli" aufgeschrieben, einem Buch, das 1945 erschien und Matera und die Basilicata für die internationale Öffentlichkeit erstmals als Realität greifbar machte. Die Bauern, so schrieb er, sagten über sich selbst: „Wir sind keine Christen – Christus kam nur bis Eboli." Sie meinten damit nicht Religion, sondern Staat, Geschichte, Zivilisation: alles, was nie bis hierher vorgedrungen war. „Cristo non è mai arrivato qui, né vi è arrivato il tempo, né l'anima individuale, né la speranza" – weder die Zeit, noch die individuelle Seele, noch die Hoffnung.
Wir haben das Wohnhaus besucht, in dem Levi seine Verbannung absaß: ein unscheinbares Gebäude am unteren Ortsrand, heute Casa-Museo, mit einem Olivenölkeller darunter, der zum Museum der bäuerlichen Zivilisation umgebaut wurde. Levi selbst hat über die Terrasse geschrieben, von der aus er die Calanchi überblickte – jene erodierten Lehmhügel, die die Landschaft um Aliano in etwas Mondartiges verwandeln: karg, gefaltet, bleich unter der Sonne. Er schrieb: „Unter mir war die Schlucht; davor, ohne dass sich irgendetwas dem Blick entgegenstellte, die unendliche Ausdehnung der trockenen Tone, ohne ein Zeichen menschlichen Lebens, wellig in der Sonne bis in die Ferne, wo sie, weit entfernt, im weißen Himmel zu schmelzen schienen." Diese Landschaft ist noch da. Sie hat sich nicht verändert. Die Calanchi erodieren weiter, langsam und unaufhaltsam, wie seit Jahrtausenden.
Die Pinacoteca im Palazzo Morteo, einem Barockbau aus dem 17. Jahrhundert, zeigt Levis Gemälde aus der Verbannung: Porträts der Dorfbevölkerung, Landschaften, Lithografien. Es sind Bilder, die mit großer Sorgfalt und ohne Sentimentalität schauen. Levi hat die Menschen hier nicht pittoresk gemacht. Er hat sie gemalt, wie er sie sah: als eigenständige Welt, die ihre eigene Würde hatte und keiner nördlichen Erklärung bedurfte. Die Originallithografien, die er dem Gemeindearchiv schenkte, hängen noch immer dort. Dann sind wir zum Friedhof am Ortsrand gegangen. Levi wollte hier begraben werden – dieser Wunsch ist einer der präzisesten Sätze, die man über das Verhältnis zwischen einem Schriftsteller und einem Ort je lesen kann. Er ist es. Das Grab hatte früher einen guten Blick auf die Calanchi und auf das Haus, in dem er lebte. Heute versperren aber hochgewachsene Bäume diese Sichtachse.
Was heute von Aliano lebt, ist in erheblichem Maß das Erbe dieses einen Jahres Verbannung. Seit 1998 betreibt die Gemeinde den Parco Letterario Carlo Levi, der Levis Orte erschließt und mit EU-Mitteln die Altstadt teilweise saniert hat. Es gibt ein paar Zimmer, zwei Restaurants und ein paar Cafés. Für eine wirtschaftliche Grundlage reicht es nicht. Der Literaturtourismus bringt Besucher:innen, aber er ist saisonal, dünn und trägt keine strukturelle Last. Die meisten, die nach Aliano kommen, sind Besucher:innen eines Festivals, das in Aliano alljährlich an einem Wochenende stattfindet. Die Besucher:innen, die zu anderen Zeiten kommen, sind am Nachmittag wieder weg. Die Männer auf der Piazza bleiben.
Die Abwanderung ist auch in Aliano das zentrale Thema, das niemand explizit anspricht, weil es zu offensichtlich ist, um noch kommentiert zu werden. Basilicata ist die Region mit dem höchsten Bevölkerungsrückgang Italiens: 6,3 Promille Verlust im Jahr 2024, der stärkste Wert im ganzen Land. In einem Dorf wie Aliano bedeutet das, dass die Schule irgendwann keine Klassen mehr füllen kann, dass der Hausarzt nicht mehr kommt, dass die Piazza, auf der Levi 1935 die Isolation des Südens beschrieb, heute aus anderen Gründen leer ist. Der Satz der Bauern – Christus kam nur bis Eboli – meinte einst den Staat, der nie ankam. Heute könnte man ihn auf die Jugend beziehen, die nicht mehr zurückkommt.

Abwanderung, Klima, Land – die großen offenen Rechnungen
Die Basilicata ist die einzige Region Italiens, die 2025 als offizielle „lagging region" eingestuft bleibt und deren Wirtschaft gleichzeitig im Minus lag, während der restliche Mezzogiorno wuchs. Das klingt wie eine Statistik, aber dahinter stecken sehr konkrete Debatten, die wir vor Ort – in Gesprächen, in lokalen Zeitungen, in den Foren und Ausschüssen, die während unserer Reise tagten – immer wieder gehört haben.
Die Demografie ist das drängendste Thema. Die Region verliert weiter Bevölkerung, besonders die gut Ausgebildeten. Was bleibt, altert. Was geht, fehlt. Die
Gewerkschaft Confsal Basilicata hat im Juni 2026 in einer scharfen Analyse zum Bankitalia-Bericht gefordert, dass Tourismus endlich nicht mehr nur als Besucherzahl gemessen wird, sondern daran,
ob er „stabile und qualifizierte Arbeitsplätze" schafft. Das ist ein Satz, der den Finger in eine Wunde legt: Matera zieht Besucher:innen an, aber ob die Einkünfte wirklich in der Region bleiben
und ob die Stellen, die entstehen, mehr sind als Saisonjobs in Cafés und Souvenirläden – das ist offen.
Die Landwirtschaft steht unter mehrfachem Druck. Einerseits zeigt der Hartweizenanbau für 2025 erste ermutigende Signale nach einem schwierigen Vorjahr – Produkte wie das Pane di Matera IGP haben eine Marktstellung, die kaum eine andere Peripherieregion Europas vorweisen kann. Andererseits verhandeln die Regionen des Mezzogiorno gerade über die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027: Im Juni haben Basilicata, Kalabrien, Kampanien, Molise und Apulien in Matera die „Carta di Matera per la PAC post 2027" verabschiedet – ein gemeinsames Positionsdokument, das den Klimawandel, den Generationenwechsel in der Landwirtschaft und das Wasserrisiko ins Zentrum stellt. Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, dass Südregionen an einem Tisch sitzen und mit einer Stimme nach Brüssel sprechen. Ob er etwas bewirkt, wird man sehen.
Der Klimawandel ist in dieser Landschaft spürbar, nicht abstrakt. Greenpeace hat in einem aktuellen Bericht die Basilicata zu den am stärksten von Hitzetagen betroffenen Regionen Italiens gezählt. Die Sommer werden länger und trockener; der Waldbrand-Index steigt; der Wasserhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht. Dass der Küstenurwald Bosco Pantano bei Policoro noch existiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Naturschutzentscheidungen, die in den 1970er Jahren getroffen wurden und seither immer wieder verteidigt werden müssen. Das ionische Küstenland erodiert. Die Debatte über Küstenschutz – ob technische Verbauung oder ökologische Renaturierung – ist politisch heiß und wissenschaftlich noch nicht entschieden.
Und dann ist da noch ein Thema, über das nicht gern gesprochen wird, das aber auf den Feldern zwischen der Basilicata und Kalabrien diese Saison erneut sichtbar wurde: die Situation der Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Nach dem brutalen Mord an vier Erntehelfern in Amendolara Anfang Juni hat die Debatte über das Caporalato – die illegale, oft von kriminellen Netzwerken kontrollierte Arbeitsvermittlung von Migranten – neue Schärfe gewonnen. Schätzungen zufolge arbeiten über 230.000 Menschen in der italienischen Landwirtschaft ohne gültigen Vertrag, viele davon im Süden, viele in Verhältnissen, die mit dem Arbeitsrecht, das auf dem Papier gilt, nichts zu tun haben. Das ist kein fernes Problem. Es geht um Felder, die wir passiert haben, um Produkte, die wir gegessen haben.

Bleiben als Entscheidung
Irgendwo in dieser Landschaft haben wir Laura und Franco Indaco getroffen. Sie bewirtschaften Olivenbäume – biologisch, ohne Zertifizierungsrhetorik, weil es für sie die einzig sinnvolle Art ist, mit diesem Boden umzugehen. Die Basilicata verliert seit Jahrzehnten Bevölkerung. Die Jungen gehen nach Neapel, nach Rom, nach Deutschland. Wer bleibt, tut das nicht aus Mangel an Alternativen, sondern – zumindest manchmal – aus einer Art stiller Überzeugung. Laura selbst ist aus Argentinien zurückgekehrt, in das Land ihrer Großeltern.
Die Region setzt inzwischen auf einen Begriff, der strategisch klingt, aber echte Substanz hat: „Turismo delle radici" – Herkunftstourismus. Lucaner, die in der zweiten oder dritten Generation in Norditalien, in Deutschland, in den USA leben, sollen zurückkommen – nicht um zu bleiben, aber um anzuknüpfen. Die Regionalregierung hat dafür 15 Millionen Euro mobilisiert und ist damit Teil einer nationalen Strategie, die Außenminister Tajani im Juni als „Phase 2" des Rückkehrprogramms bezeichnet hat. Das klingt nach Verwaltungsprosa. Aber wenn man in Dörfern steht, in denen eine Hälfte der Straßen nach der Emigrantenfamilie aus dem letzten Jahrhundert heißt, dann versteht man, warum dieser Begriff mehr bedeutet als ein Förderformular.














