Neu-Matera:

Spine Bianche: Materas verdrängte Geschichte

Zwangsumsiedlung, Sozialutopie und die Realität eines Nachkriegsviertels

In diese Wohnhäusern wurden in den 1950er Jahren Sassi-Bewohner zwangsweise umgesiedelt.
In diese Wohnhäusern wurden in den 1950er Jahren Sassi-Bewohner zwangsweise umgesiedelt.

 

Wer heute nach Matera reist, bewegt sich fast zwangsläufig durch die Sassi – jenes spektakuläre Höhlensystem, das längst zum Symbol für kulturelle Wiederentdeckung geworden ist. Doch ein wesentlicher Teil der Stadtgeschichte liegt abseits dieser Kulisse. Nur wenige Gehminuten entfernt entstand mit Spine Bianche ein Viertel, das eng mit der radikalsten sozialen Transformation Materas verbunden ist: der Zwangsumsiedlung von Tausenden Menschen aus den Sassi in der Nachkriegszeit. Wer Matera verstehen will, muss auch diesen Ort kennen.

 

Spine Bianche liegt keine zehn Minuten Fußweg von den Sassi entfernt – und wird von den meisten Matera-Besucher:innen nie gesehen. Wir haben das Viertel zu Fuß erkundet und dabei den zweiten, weniger bekannten Teil der Matera-Geschichte aufgesucht: den Ort, wohin die Sassi-Bewohner:innen zwischen 1952 und den späten 1960er Jahren zwangsweise umgesiedelt wurden. Um zu verstehen, was Spine Bianche bedeutet, hilft ein Blick auf das, was zwischen Sassi und diesem Neubauquartier liegt: den Piano.

Der Piano ist Materas bürgerliche Stadt, die Gegenwelt zu den Sassi. Rund um die Piazza Vittorio Veneto und entlang der Via del Corso entstand ab dem späten 19. Jahrhundert, nochmals verstärkt unter dem Faschismus, eine Stadtanlage für die Beamten- und Bürgerschicht: repräsentative Fassaden, breite Achsen, Verwaltungsgebäude im rationalistischen Stil der 1930er Jahre. Das Regime ließ 1934–1936 den alten Fossato – eine natürliche Mulde, die den Piano von den Felshängen trennte – zuschütten und überbauen, um eine durchgehende Promenaden- und Repräsentationsachse zu schaffen. Was darunter lag – Höhlenräume, Keller... aus Jahrhunderten –, wurde schlicht vergraben.Der Piano sollte modern wirken, staatstragend, hygienisch. Die Sassi, nur wenige Gehminuten entfernt, waren das Gegenteil davon: dunkel, eng, ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation. Es war diese Gleichzeitigkeit – Verwaltungspalast und Höhlenwohnung, Staatsarchitektur und Elend –, die Matera in den Augen der Nachkriegspolitiker zum Skandal machte.

 

Die gesetzliche Grundlage für die Umsiedlung lieferte die „Legge Speciale per lo sfollamento dei Sassi" von 1952, initiiert von Ministerpräsident De Gasperi, der die Höhlenviertel als „nationale Schande" bezeichnet hatte. Rund 17.000 Menschen wurden in den folgenden Jahren umgesiedelt. Was die Umsiedlung von vergleichbaren staatlichen Sanierungsmaßnahmen dieser Epoche unterschied, war die Beteiligung Adriano Olivettis. Der Industrieunternehmer und Sozialreformer setzte eine Planungskommission ein und beauftragte den Soziologen Friedrich Friedmann von der Universität Arkansas mit einer Feldstudie: Friedmann sollte das Gemeinschaftsleben in den Sassi dokumentieren, damit die neuen Wohnviertel nicht bloß Unterkünfte liefern, sondern die gewachsenen Sozialstrukturen übernehmen konnten.

Der zentrale Begriff, den Friedmann dabei herausarbeitete, war das „vicinato" – eine Nachbarschaftseinheit aus drei bis fünf Familien, die einen gemeinsamen Hof nutzten und wirtschaftlich wie sozial füreinander eintraten. Die Architektengruppe, die Spine Bianche zwischen 1955 und 1959 entwarf – darunter Carlo Aymonino, Giancarlo De Carlo, Federico Gorio und weitere Vertreter der Römischen Architekturschule –, hatte den Auftrag, diese Struktur in zeitgemäße Grundrisse zu übersetzen. Entstanden sind 687 Wohnungen für rund 3.500 Bewohner:innen, errichtet in regionalem Ziegelstein, dem Cotto. Im Volksmund heißt das Viertel bis heute „Bottiglione", nach dem Bauunternehmen, das die Blöcke ausführte. Der Großteil der 17.000 Sassi-Bewohner:innen wurde in eigens gebauten Siedlungen am Stadtrand umgesiedelt.

 

Bürger:innenbefragungen und -beteiligungsprojekte

Giancarlo De Carlo ging bei seinem Projekt, dem „Casa di Matera" am Quartiersplatz, methodisch einen Schritt weiter: Er befragte künftige Bewohner:innen, bevor er entwarf – ein für die damalige Planungskultur ungewöhnlicher Ansatz, der dem herrschenden Modernismus-Dogma widersprach. Der Architekturkritiker Bruno Zevi bezeichnete Spine Bianche und die benachbarten Neubauquartiere deshalb als „die schönste Peripherie unter den italienischen Städten" – zumindest für einige Jahrzehnte.

Der architektonische Kontrast zwischen Piano und Spine Bianche ist dabei nicht zufällig, sondern programmatisch. Der Piano der 1930er Jahre spricht die Sprache des Regimes: Symmetrie, Monumentalität, klare Hierarchie zwischen öffentlichem Repräsentationsraum und privatem Rückzug. Die Staatsgebäude ordnen sich um Plätze, die zur Versammlung und zur Inszenierung von Macht gedacht sind. Spine Bianche dagegen folgt einer anderen Logik: kleinteilig, auf Augenhöhe, ohne Achsen und ohne Geste. Die Ziegelsteinbauten von Aymonino und De Carlo sind funktional, aber nicht karg – sie wollen Gemeinschaft ermöglichen, nicht repräsentieren. Das ist der Bruch mit dem Modernismus der Zwischenkriegszeit, aber auch mit Le Corbusiers Wohnmaschinen: Hier sollte Architektur auf das hören, was die Menschen brauchen, nicht auf das, was der Staat oder die Theorie verordnet.

 

Das soziale Experiment ist trotzdem nicht aufgegangen. Das vicinato als Lebensform hat sich in den modernen Wohnungen nicht erhalten. Die kollektiven Strukturen der Sassi – gemeinsam genutzte Höfe, gegenseitige Abhängigkeit, informelle Nachbarschaftshilfe – lösten sich im Übergang zum Geschosswohnungsbau auf. Was als Modell einer sozialbewussten Stadtplanung gedacht war, ist ein reguläres Stadtviertel geworden, mit all dem, was das bedeutet.

Heute ist Spine Bianche als eines der besterhaltenen Beispiele des italienischen Nachkriegsmodernismus anerkannt und wird von Architekturstudent:innen und Fachleuten studiert. Gleichzeitig läuft seit 2024 der städtische Beteiligungsprozess „La voce dei quartieri", der Spine Bianche, Lanera und Serra Venerdì gemeinsam in einen Stadterneuerungsprozess einbezieht. Das frühere Olivetti-Schulgebäude wurde 2022 als LUC – Laboratorio Urban Center – wiedereröffnet und dient seither als Anlaufstelle für Stadtteilentwicklung und Bürgerbeteiligung. Dass ein Viertel, das aus einer Zwangsumsiedlung entstanden ist, heute über seine Zukunft mitverhandeln soll, ist eine Entwicklung, die man im Matera-Kontext kennen muss – auch wenn die Touristenführer meist schweigen.

 

Keine Rückkehr mehr in die Sassi

Viele Materaner:innen erzählen heute, dass in den Sassi „niemand mehr wohnen will“ – gemeint sind damit vor allem die Nachkommen jener Familien, die in den 1950er-Jahren aus den überfüllten Höhlenwohnungen in moderne Quartiere umgesiedelt wurden. Für sie steht der Umzug „nach oben“ bis heute für sozialen Aufstieg und einen endgültigen Bruch mit dem früheren Elend, das mit Armut, Krankheit und Verwahrlosung verbunden war. Zwar sind die Sassi inzwischen sorgfältig restauriert und werden wieder bewohnt, doch ein Großteil der Häuser dient heute als Boutique-Hotel, Ferienapartment, Restaurant oder Atelier. Als alltäglicher Wohnort sind sie für viele Einheimische zu beschwerlich, zu teuer oder zu sehr Touristenkulisse geworden. So entsteht das Paradox, dass der einstige „Schandfleck“ Italiens nun glänzend hergerichtet ist – aber vor allem von Gästen und Zugezogenen genutzt wird, während die meisten Nachkommen der ehemaligen Höhlenbewohner:innen lieber in den Nachkriegssiedlungen und Neubauvierteln bleiben.

 



Anfrage-Hotline


+43 (0) 664 5401722 (Marco Vanek)

planetREISEN
Verein zur Förderung der Natur-, Kultur- und Erlebnisvermittlung und Erwachsenenbildung
Obmann: Mag. Marco Vanek
Ing.-Ferdinand-Porsche-Straße 7/31, 4400 Steyr
Tel.: +43 664 5401722
ZVR-Nr.: 987759430