Grünau/Almtal:

Wem gehört die Ruhe am Almsee?

Wie jahrhundertealter Großgrundbesitz und die aktuelle Naturschutzpolitik den Talschluss vor Verbauung schützen.

Wände des Toten Gebirges, Schilfgürtel und ein See, der frei von Verbauung blieb. Alle Fotos: Marco Vanek
Wände des Toten Gebirges, Schilfgürtel und ein See, der frei von Verbauung blieb. Alle Fotos: Marco Vanek

 

Wir gehen in der Habernau los, an einem Sommertag, an dem das Almtal mit klarer Luft statt Hitze antwortet. Hier am Übergang zwischen dem nördlichen Ende des Sees und wo der Almfluss beginnt, endet das Alltags-Almtal: Parkplatz, Bushaltestelle, Straßenschild, dann beginnt das Naturschutzgebiet. Wir folgen dem jungen Almfluss aufwärts, vorbei am - an diesem Tag - geschlossenen Landgasthaus Jagersimmerl. Schön langsam öffnet sich der Blick auf den See. Der Wald reicht bis ans Wasser, Schilfgürtel säumen den Rand, darüber stehen die Wände des Toten Gebirges. Es ist der bisher heißeste Tag des Jahres, aber am See ist die Sommerhitze gut auszuhalten. Für uns überraschend sind neben unser Wandergruppe nur ganz wenige Menschen unterwegs. Diese Stille ist kein Zufall, sondern Ergebnis von konzentriertem Grundbesitz, Naturschutz und einer Entwicklung, die vieles bewusst nicht verbaut hat.

 

Großgrundbesitz und Landschaftsbild

Große Flächen im inneren Almtal gehören bis heute wenigen Akteuren: dem Stift Kremsmünster sowie adeligen und privaten Großgrundbesitzern wie den Welfen, die über ausgedehnte Wald- und Jagdgebiete im Raum Gmunden/Grünau verfügen. Die Gemeinde, bäuerliche Betriebe und touristische Anbieter bewegen sich auf einem Terrain, das sie nutzen, aber nur in Teilen besitzen.

Diese konzentrierte Eigentumsstruktur prägt das Landschaftsbild direkt. Wo Stift und Adelsfamilien über zusammenhängende Räume verfügen, zerfällt das Ufer nicht in viele kleine Parzellen mit Bädern, Ferienhäusern und Stegen. Der Almsee bleibt frei von durchgehender Bebauung. Es gibt hier keine Strandbadarchitektur und Eventflächen. Nicht allein deshalb, weil der Almsee geschützt ist, sondern auch, weil die entscheidenden Grundstücke nie breit in den Markt gingen. Ruhe ist hier nicht nur Stimmung, sondern Ergebnis von Kontrolle: über Flächen, über Zugriff, über die Frage, was überhaupt gebaut werden darf. 

 

Wald, der bis ans Wasser reicht: im inneren Almtal gehören die Flächen nur wenigen.
Wald, der bis ans Wasser reicht: im inneren Almtal gehören die Flächen nur wenigen.

 

Bauern, Herrschaft und ein Aufstand, der anderswo stattfand

Über Jahrhunderte lebten die Bauern und Bäuerinnen im Almtal unter Grundherrschaft: mit eigenem Hof, aber mit Abgabenpflicht und begrenzten Rechten an Wald und Alm. Die Bodenreformen des 19. und 20. Jahrhunderts stärkten bäuerliches Eigentum, hoben Frondienste auf und ordneten Servituten neu. Die großen Wald- und Almflächen blieben trotzdem großteils bei Stift und Adel.

Widerstand gegen diese Ordnung zeigte sich hier vor allem im Kleinen: in zähen Verhandlungen um Weide- und Holzrechte, in Petitionen, im alltäglichen Ausreizen von Spielräumen. Der große Bruch kam anderswo. Der oberösterreichische Bauernkrieg von 1626, ausgelöst durch soziale und religiöse Spannungen unter bayerischer Herrschaft, spielte sich hauptsächlich im Hausruck- und Traunviertel ab; das Almtal blieb randständig.

Dieses Tal steht daher weniger für den plötzlichen Aufstand als für die dauerhafte Spannung zwischen bäuerlicher Lebenswelt und großer Besitzmacht. Die Ordnung wurde hier nicht gestürzt, sondern über Generationen mit Stift und adeligen Grundherren ausgehandelt – eine Langzeitkonstellation, die bis heute mit darüber entscheidet, wie viel Zugriff und wie viel Ruhe möglich sind.

Wasser, Wald und Fels – Schwimmen mit Aussicht auf die vielfältige Landschaft
Wasser, Wald und Fels – Schwimmen mit Aussicht auf die vielfältige Landschaft

Naturschutz, fehlende Bespaßung und sanfter Tourismus

Am Almsee trifft diese Geschichte auf die aktuelle Naturschutzpolitik. Der See und seine Umgebung sind als Schutzgebiet ausgewiesen; Uferzonen, Verlandungsflächen und Zuflüsse unterliegen klaren Regeln. Intensiver Wassersport spielt keine Rolle, Fischerei ist begrenzt, Baden bleibt punktuell erlaubt.

 

Gemeinsam mit den Besitzverhältnissen ergibt sich daraus ein touristisches Profil, das auf Reduktion basiert. Infrastruktur bleibt schmal: eine Straße, ein Parkplatz, ein Weg, einige wenige Betriebe – und dazwischen viel ungestalteter Raum. Was in anderen Regionen als Fehlstelle gelten würde, wird hier zur Qualität. Die Ruhe an einem so heißen Tag ist nicht einfach ein Zufall der Topografie, sondern Resultat eines Zusammenspiels: Eigentümer, die keinen großflächigen Zugriff zulassen; Schutzstatus, der bestimmte Nutzungen ausschließt; und eine Entwicklung, die vieles bewusst nicht gebaut hat.

Für Betriebe bedeutet das eine Gratwanderung. Sie leben von Gästen, die genau diese Form von Landschaft suchen, müssen aber mit einem begrenzten Angebot auskommen. Für uns als Wandernde heißt es, dass wir einen Ort vorfinden, der uns nicht permanent bespielt, sondern uns mit Wasser, Wald und Fels allein lässt.

Fast allein am Ufer unterwegs – Stille, die über Jahrhunderte gewachsen ist.
Fast allein am Ufer unterwegs – Stille, die über Jahrhunderte gewachsen ist.

Ein Sommertag, der viel erzählt

Unser Weg am Ostufer des Almsees ist damit mehr als eine schöne Strecke am Wasser. Er bündelt die Langzeitgeschichte eines Tals, in dem Stift Kremsmünster, die Adelsfamilien, bäuerliche Gegenwehr, ausgebliebene Revolten, Naturschutz und sanfter Tourismus ineinandergreifen.

Dass wir bei angenehmen Temperaturen fast allein am Ufer unterwegs sind, erzählt von einer Gegenwart, in der Stille und Beschränkung Teil des Profils geworden sind. Dass wir diesen Weg überhaupt so gehen können, ohne an jeder Ecke auf Bespaßungsarchitektur zu stoßen, verweist auf eine Ordnung, in der historische Eigentumsstrukturen bis heute mitentscheiden, wie viel Ruhe bleibt – und wie viel Unterhaltung gar nicht erst entsteht.

So wird ein Sommertag am Almsee auch zu einem Blick in die Tiefenschichten des Almtals: eine Landschaft, in der Ruhe nicht die Abwesenheit von Geschichte ist, sondern sichtbare Folge von über Jahrhunderten stabilen Großgrundbesitzverhältnissen.

 

Diese Wanderung fand in Kooperation mit den Gplus OÖ am 27. Juni statt.




Anfrage-Hotline


+43 (0) 664 5401722 (Marco Vanek)

planetREISEN
Verein zur Förderung der Natur-, Kultur- und Erlebnisvermittlung und Erwachsenenbildung
Obmann: Mag. Marco Vanek
Ing.-Ferdinand-Porsche-Straße 7/31, 4400 Steyr
Tel.: +43 664 5401722
ZVR-Nr.: 987759430