Zwischen Schutzgebiet und Urwald
Auf Erkundung durch einen der eindrucksvollsten Wildnisräume Österreichs – zwischen Schutz, Urwald und Landschaftsgeschichte.

Der Zugang zur Wildnis beginnt hier nicht mit Pathos, sondern mit einem Übergang. Wir fuhren mit einem kleinen Bus etwa 40 Minuten von der steirischen Gemeinde Wildalpen über schmale Straßen, dann weiter über die Landesgrenze nach Niederösterreich. Hinter einem abgesperrten Gatter begann der geschützte Bereich des Wildnisgebiets. Zunächst ging es noch auf Forststraßen weiter, zwischen Wirtschaftswald und Schutzgebiet, später zu Fuß auf immer schmaler werdenden Wegen bis sie kaum noch zu erkennen waren. Ab nun wird es immer unzugänglicher. Wir kletterten über umgefallene Bäume, zwängten uns durch dichtes Strauchwerk, sprangen von Felsblock zu Felsblock. Wir befinden uns im Rotwald, der auf der Landkarte als großer Urwald bezeichnet wird.
Der Einstieg in die Wildnis ist damit zugleich ein Einstieg in die Ordnung des Schutzes. Wer hier unterwegs ist, hat
sich angemeldet, eine geführte Exkursion gebucht und weiß: Ohne Guide geht nichts. Das innere Wildnisgebiet ist kein frei zugänglicher Raum, sondern streng reguliert. Unser Wildnisguide
Christian Scheucher erklärt uns die Grundregeln: "Auf den freigegebenen Wegen bleiben, keine gesperrten Bereiche betreten, nichts zurücklassen, nichts mitnehmen, auch wenn einem die
gerade reif werdenden Walderdbeeren goustieren sollten". Seine Hinweise sind mehr als Formalität. Es ist der Versuch, Besuch und Schutz miteinander zu vereinbaren.
Wir gehen durch den Mischwald, der vielen von uns vertraut erscheinen mag: Fichten, Tannen, Buchen. Zunächst gehen wir noch an der Grenze zwischen Wirtschaftswald
und Wildnisgebiet, wo es noch ganz normale Forststraßen gibt. Beide Waldstücke gehören hier der Familie Prinzhorn, die den Rothwald 2019 um mehr als hundert Millionen Euro der Familie
Rothschild abgekauft haben. Beim Kauf war den Prinzhorns bewusst, dass ein Teil Wildnisgebiet ist und auf alle Ewigkeit keine Nutzung mehr möglich ist. Durch ein EU-Life-Projekt wurde ihnen
aber das Nutzungsverbot pauschal vergütet.
Je weiter wir in den Wildnisbereich wandern, um so mehr verändert sich der Eindruck des Waldes: Schritt für Schritt wird der Baumbestand dichter und
zugleich unaufgeräumter. Totholz bleibt liegen, Stämme brechen und stürzen um, Pilze besiedeln das Vergehende, junge Bäume wachsen in Lücken nach. Was in einem Wirtschaftswald oft als Schaden
gelten würde, ist hier Teil des Systems. Wildnis bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Stillstand, sondern Prozess: Borkenkäfer, Sturmwürfe, Hangrutschungen und Lawinenbahnen werden nicht
beseitigt, sondern zugelassen. "Wo kann Nutzen ist, gibt es auch keinen Schaden", bringt Christian das hier vorherrschende Verständnis auf den Punkt.
Wir blicken den Waldhang hinauf: Zwischen mächtigen Stämmen liegen Bäume in unterschiedlichen Zerfallsstadien, aus alten Wurzelstöcken treiben junge Buchen und Fichten, die Kronen bilden keinen gleichmäßigen Schirm, sondern ein unruhiges, lebendiges Gefüge. Für einen Moment stellt sich das Gefühl ein, in einen Urwald einzutreten. Gleichzeitig ist klar: Auch dieser Wald ist Ergebnis von Geschichte, nicht von Abwesenheit.
Historische Tiefenschicht
Der Rothwald, der Kern des heutigen Wildnisgebiets, ist nicht deshalb erhalten geblieben, weil hier nie jemand hingelangt wäre. Christian erzählt uns über die Hintergründe, wieso dieses mehr als vierhundert Hektar große Waldstück bisher nicht geschlägert wurde: "Der Wald blieb erhalten, weil Menschen sich hier über Jahrhunderte stritten, zögerten und entschieden. Zwischen dem Benediktinerstift Admont und der Kartause Gaming tobte ein Grenzstreit um Besitzrechte und Nutzungsfragen. Um weitere Konflikte zu vermeiden, wurde das umstrittene Gebiet zeitweise stillgelegt: keine Schlägerungen, keine Jagd. Hinzu kam die Abgelegenheit. Steile Hänge, fehlende Transportwege und hohe Kosten machten großflächige Holznutzung und Abtransporte wenig attraktiv."
Während andere Teile der Eisenwurzen in mehreren Wellen entwaldet und wiederbewaldet wurden, blieb dieser Hang weitgehend unangetastet. Im 19. Jahrhundert trat mit Baron Rothschild schließlich ein privater Großgrundbesitzer hinzu, der den Wald bewusst unter Schutz stellte.
Wildnis in Mitteleuropa ist damit nicht das Gegenteil von Geschichte, sondern ihr Produkt. Konflikte, Unterlassungen, Eigentumsentscheidungen und spätere Naturschutzpolitik haben hier einen Raum entstehen lassen, der heute als Gegenbild zur forstlichen Moderne gilt.
Wildnis-Tourismus als Spannungsfeld
Wer hier unterwegs ist, bewegt sich in einem Spannungsfeld, das weit über diesen Ort hinausweist. Wildnis-Tourismus gilt vielen als Beispiel sanfter Naturnutzung: kleine Gruppen, geführte Exkursionen, Fokus auf Bildung und Wahrnehmung. Regionen verbinden damit die Hoffnung auf regionale Wertschöpfung, ein stärkeres Profil und ein positives Image als Naturraum.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf andere Schutzgebiete, dass naturorientierter Tourismus auch Probleme erzeugen kann. Schon die bloße Präsenz von Menschen verändert das Verhalten vieler Tierarten: Manche verlieren ihre Scheu, andere meiden bestimmte Bereiche, sensible Rückzugsräume geraten unter Druck. Je erfolgreicher das Angebot, desto größer kann die Gefahr werden, dass ausgerechnet jene Ruhe verloren geht, die man eigentlich bewahren will.
Dürrenstein reagiert darauf mit einer sehr konsequenten Besucher:innenlenkung: streng limitierte Gruppenzahlen, klar definierte Exkursionsrouten, Verzicht auf Infrastruktur im Inneren und der Grundsatz, dass der eigentliche Urwaldkern für reguläre Besucherinnen und Besucher tabu bleibt. Das schützt die sensibelsten Bereiche, wirft aber auch Fragen auf. Wer kann sich solche Touren leisten? Wer hat Zeit und körperliche Möglichkeit, daran teilzunehmen? Und wer bleibt trotz aller Schutzrhetorik außen vor?
Zwischen Sehnsucht und Skepsis
Auch soziokulturell lädt Wildnis-Tourismus zum Nachdenken ein. Viele Menschen kommen mit starken Bildern im Kopf: Wildnis als Ort der Entschleunigung, der Selbstfindung, als Gegenmodell zur beschleunigten Stadt. Andere suchen eher das Spektakuläre: Tiere sehen, Abenteuer erleben, etwas mitnehmen, das sich erzählen lässt.
Auf der lokalen Seite stehen ebenfalls Erwartungen – und ambivalente Erfahrungen. Gemeinden in der Eisenwurzen verbinden mit dem Weltnaturerbe die Hoffnung auf neue Impulse, zusätzliche Gäste und wirtschaftliche Chancen. Gleichzeitig bringen die Schutzauflagen Einschränkungen. Nicht alle erleben die neue Rolle des Gebiets ausschließlich positiv. Wildnis wird damit zu einer Projektionsfläche sehr unterschiedlicher Wünsche: für die einen ein spiritueller Resonanzraum, für die anderen ein weiterer Baustein in einer langen Geschichte externer Entscheidungen.

Wildnis als Original
Auf der Karte der UNESCO steht das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal in einer Reihe mit berühmten Naturlandschaften weltweit. Es erfüllt damit auch eine symbolische Funktion: In einem Europa, in dem nur noch ein kleiner Teil der Fläche als Wildnis gilt, werden solche Gebiete zu Naturoriginalen. Sie dienen als Referenzräume für Forschung, als Identifikationspunkte in nationalen Erzählungen und als starke Bilder im Marketing.
Gleichzeitig bleibt der Befund nüchtern. Ein paar tausend Hektar Wildnis ändern nichts daran, dass große Teile der Umgebung intensiv bewirtschaftet, verbaut oder durch Infrastruktur durchzogen sind. Wildnisgebiete können zu Feigenblättern werden, wenn sie bloß als Image dienen, während außerhalb alles beim Alten bleibt. Sie können aber auch Maßstäbe verschieben, indem sie zeigen, wie radikal es sein kann, nichts zu tun und Räume bewusst der Nutzung zu entziehen.
Zurück ins Tal
Am Ende des Tages führt der Weg wieder hinunter: zurück zum Bus, auf die Straßen, in die Dörfer der Eisenwurzen. Der Blick hinunter ins Salzatal, hinüber nach Wildalpen, macht deutlich, wie eng die Geschichten verbunden sind. Die Landschaft, die heute als Wildnis geschützt wird, liegt in einem Raum, der zuvor durch Holzhunger, Erzproduktion und Wasserinfrastruktur geprägt war.
Wer den Text über Wildalpen liest und diesen über das Wildnisgebiet dazu, erkennt, wie sehr Naturgeschichte und Sozialgeschichte ineinandergreifen. Die eine Erzählung handelt von Ressourcennutzung, Arbeit und Strukturwandel; die andere von Schutz, Prozessdynamik und neuen Formen des Umgangs mit Landschaft.
Vielleicht liegt der eigentliche Reiz einer Exkursion in den Dürrenstein gerade darin, beides mitzunehmen: das Staunen über alte Bäume und liegendes Totholz – und
die Fragen, die sich daraus für Gegenwart und Zukunft ergeben. Was darf eine Gesellschaft ungenutzt lassen? Wie viel Wildnis lässt sich politisch, ökonomisch und kulturell aushalten? Und welche
Geschichten erzählen wir, wenn wir mit Gruppen durch einen Wald gehen, der sich – zumindest vorläufig – selbst gehört?
Text: Marco Vanek, Fotos: Marco Vanek, Annemarie Niedereder-Mayr, Maria Jordan







